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Unterwegs mit M.S. Kinette

Von Chris und Charlotte Huber, M.S. Kinette

Im Oktober 2002 mieteten meine Frau Charlotte und ich bei Locaboat in Joigny (Burgund) in den Ferien erstmals ein Hausboot, eine Pénichette von 9.30 m. Später charterten wir noch bei Nicol’s und Burgundy Cruisers. Die Euroclassics waren übrigens eine gute Erfahrung: Wer diese hässlichen, plumpen Schuhschachteln handhaben kann, wird alles handhaben können.

Unterwegs begegneten wir einmal einem Schweizer Ehepaar, welches auf einer Luxemotor (Engl. Auch Luxemotor) lebt. Wir tigerten solange um ihr Schiff herum, bis ihnen nichts mehr anderes übrig blieb, als uns zu einer Schiffsbesichtigung einzuladen. Wir waren völlig fasziniert von der Idee, so zu leben und beschlossen, diesen Traum nach Chris’ Pensionierung im Jahre 2007 zu realisieren. Aus verschiedenen Gründen war es bereits 2005 so weit: Wir lernten das Barge Buyer’s Handbook beinahe auswendig, verkauften unser Haus und suchten, nachdem uns Adrian Stott beraten hatte, mit Hilfe des holländischen Maklers Ruud Thomas ein geeignetes Schiff.

Wir hatten unwahrscheinliches Glück, weil bereits das dritte Schiff, das wir in der Nähe von Amsterdam besichtigten, unser Glückstreffer war. Das Schiff, ursprünglich ein Frachtschiff (freight ship), war 1931 umgebaut worden, um ein Karussell von Chilbi zu Chilbi zu transportieren. Der damalige Eigentümer konnte deshalb den Laderaum verkleinern, die Achterkajüte (back cabin) vergrössern und das Steuerhaus (wheelhouse) nach vorne versetzen. 1996 liess ein neuer Eigner das Schiff in ein Wohnboot umbauen – in der gleichen Werft, wo es 1922 gebaut worden war. Beim Umbau blieben die unvergleichlich eleganten Linien erhalten – kein Wunder, war es bei uns Liebe auf den ersten Blick. Übrigens, kein Wunder auch, dass wir immer wieder von Schleusenwärtern (lock keepers), Brückenmeistern und Berufsschiffern per VHF hören: „Was für ein wunderschönes Schiff!“

Technische Daten:

Baujahr 1922
Werft de Bock & Meijer in Leimuiden/NL
Typ Luxemotor
Masse 22.57 Meter Länge, 4.05 Meter Breite
Tiefgang (draught) 0.9 Meter
Motor DAF 825
Trinkwasser 1000 Liter
Diesel 1000 Liter
Heizöl 700 Liter
Schwarzwassertank 400 Liter
Generator Koala 40. Mastervolt Inverter 3000 Watt
Bugstrahlruder Kalkman 12 HP

Plötzlich ging alles viel schneller, als wir gedacht hatten. Dank der DBA Newsgroup erhielten wir Anfänger zahlreiche wertvolle Ratschläge und Tipps: Ist ein Survey immer nötig? Wie lassen wir uns die Post nachsenden? Wie bleiben wir erreichbar? Wie bleiben wir krankenversichert? Wo überwintert man? Welche Ausweise brauchen wir? Welche Flagge führen wir als Schweizer auf einem in den Niederlanden registrierten Schiff, das zwischen den Niederlanden, Belgien und Frankreich kreuzt? Brauchen wir ein Eurokonto in unserem Fahrgebiet?

Zur ganzen Prozedur eines Schiffskaufs nur soviel: Beim Survey wird die Dicke des Rumpfes (hull) an einer grossen Anzahl von Punkten mit Ultraschall gemessen. Das ist gut und schön, aber ein Schiff rostet von innen, nicht von aussen. Wir würden heute bei einem Schiffskauf darauf bestehen, dass der Boden unter der Galley, unter der Dusche und unter der Toilette geöffnet wird und wir den Rumpf von innen inspizieren können.

Im Mai 2005 war es endlich soweit: Wir bezogen unser schwimmendes Heim. Der frühere Eigner hatte sich eine kleinere Yacht gekauft und lag damit in unserer Nähe. Das sollte sich als grosser Glücksfall erweisen. Er brachte uns geduldig das Fahren mit einem Schiff dieser Grösse bei und machte uns mit allen technischen Details vertraut. Wir sind rückblickend sehr froh, dass wir nicht einfach losgefahren sind.

Während der Laderaum unseres Schiffs mit Salon, Galley, Dusche/WC und Eignerkajüte (owner’s cabin) perfekt ausgebaut, der Motor in wundervollem Zustand war und die gesamte Schiffselektrik nichts zu wünschen übrig liess, befand sich die Achterkajüte noch im Stand von etwa 1930: Zwei kleine Kojen (berths), eine Zentralheizung mit Ölbrenner mitten im Raum sowie eine uralte Küche (galley). Wir wussten also, dass in jedem Fall ein Umbau nötig würde. Wir beschlossen aber, zuerst eine Saison lang zu fahren und Erfahrungen zu sammeln, bevor wir zusammen mit der Werft den Umbau machen würden.

Im Juni warfen wir in Aalsmeer (Niederlande) die Leinen los und fuhren auf prächtigen Flüssen und Kanälen zur Maas. Unser Ziel war das DBA-Meeting Mitte Juni in Namur (Belgien). Wir lernten viele neue Freunde kennen und besichtigten so viele Barges wie möglich. Wie machen es andere Bargees? Wie haben sie die Gästekajüte eingerichtet? Wo haben sie überall Stauraum? Von Namur aus fuhren wir maasaufwärts durch Belgien und dann in einem grossen Bogen durch die Ardennen und die Champagne zurück zum Canal de l’Est. In der Champagne hatten wir eine grossartige Zeit mit Bill und Nancy Koenig von M.S. Eclaircie. Im Herbst fuhren wir gemütlich maasabwärts durch Belgien und dann via Zuid-Willemsvaart, den Merwedekanal und die Vecht mitten durch Amsterdam nach Aalsmeer zurück. Es war ein grossartiges Erlebnis und wir wussten, dass wir solange als möglich auf dem Wasser leben wollen. Dass wir niederländisch, französisch und englisch sprechen, ist zumindest kein Nachteil.

Den ganzen Sommer durch hatten wir eine Liste mit möglichen Änderungen geführt. Nun machten wir uns daran, unsere Wünsche in „must have’s“ und „nice to have’s“ einzuteilen. Die bereinigte Liste besprachen wir mit Piet de Bock, dem Direktor der Schiffswerft de Bock & Meijer in Leimuiden. Seine schriftliche Offerte war sehr anständig und wir vereinbarten, anfangs Februar mit dem Schiff zur Werft zu fahren.

Unsere hauptsächlichsten Änderungen waren: Völliger Neubau der Achterkajüte, Einbau eines Maritime Booster anstelle der bisherigen Kabola-Zentralheizung, kombinierte Waschmaschine/Tumbler anstelle der bisherigen zwei Geräte, Einbau eines Isolation Transformers (in engl. gleich), Einbau von Toilette/Dusche in der Achterkajüte und schliesslich Einbau einer elektrohydraulischen Steuerung (electro hydraulic steering).

Für uns war klar, dass wir von Anfang an beim Umbau selbst dabei sein und soviel als möglich mitarbeiten wollten. Weil wir während des Umbaus nicht auf dem Schiff wohnen konnten, mussten wir eine Unterkunft suchen. Spontan offerierten uns Nell und Frits van Geijtenbeek von der M.S. Shell V eine Wohnung in ihrem umgebauten Bauernhaus in Meerkerk. Wir haben in der Tat echte Freunde auf dem Wasser gefunden!

Dass wir den Umbau von Anfang an begleiteten und mitarbeiteten, hat sich in jeder Beziehung bewährt. Wir arbeiteten zusammen mit dem Schreiner ohne jegliche Pläne. Wir hätten beispielsweise in der Planungsphase nicht gewusst, dass wir durch die Demontage der alten Kettensteuerung Raum für zwei zusätzliche Dieseltanks gewinnen konnten. Und wenn wir nicht selbst die Schlafkojen herausgerissen hätten, wären uns nie die feuchten Balken aufgefallen, die auf mangelnde Ventilation zurückzuführen waren.

Zurzeit sind wir mitten in diesen Umbauarbeiten und wir sind zuversichtlich, dass wir Mitte April damit fertig sind. Unser nächster Termin ist nämlich das DBA Meeting in Gorinchem. See you all!

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