Bericht Nr. 21 - Oktober 2006
Paray-le-Monial (Canal du Centre) – Digoin (Canal latéral à la Loire) – Decize – Digoin - RoanneParay-le-Monial eignet sich gut als Ausgangspunkt für Velotouren zur Erkundung der Umgebung. In einer Stunde ist man in Digoin, wo eine 243 m lange Kanalbrücke über die Loire führt. Sie wurde 1834 bis 1838 erbaut und ist zu den schönsten Kanalbrücken Frankreichs.
Kanalbrücke in Digoin über die LoireIn Digoin lernen wir das Schweizer Ehepaar Sylva und Fredy Bolli kennen, die mit einer gemieteten Pénichette unterwegs sind.
Sylva und Fredy Bolli mit ihrer PénichetteGemeinsam unternehmen wir einen Ausflug zum Schloss Digoine. Seine Gartenanlage ist so perfekt in die weite Landschaft der Charolais-Gegend eingebettet, wie das nur die Gartenarchitekten des 18. Jahrhunderts fertig brachten.
Schloss DigoineSchlösser und Schlösschen gibt es in Frankreich sozusagen wie Sand am Meer. Teils sind sie zu Museen, Hotels oder Tagungszentren umgestaltet worden, zum Teil sind sie aber noch von Adelsfamilien bewohnt. So auch Schloss Digoine. Es stellt sich nämlich heraus, dass der nette ältere Herr, der bei unserer Ankunft einen – nicht den! – Rasen mähte, der Schlossherr Jean-Guy d’Amarzit persönlich ist. Er führt uns durchs Schloss, dessen zahllose Räume wir gebührend bewundern, die wir aber freiwillig nie bewohnen würden.
Wirklich sehenswert in Schloss Digoine ist das italienische Theater. Versteckt in einem Nebengebäude findet man ein wahres Schmuckstück, ein seltenes Theater à l’italienne aus dem Jahre 1843. Es ist die Kopie in Miniaturform eines italienischen Theaters des 18. Jahrhunderts. Die Proportionen sind perfekt und es hat alles, was es zum Spielen braucht: Bühne mit verschiedenen Kulissen, Souffleuse-Muschel, Orchestergraben (für etwa fünf Musiker), Logen und Platz für etwa 100 Personen.
Die Logen im Theäterli von Schloss DigoineDieses Theater war nie öffentlich. Hier hat immer nur die Familie für die Familie und Freunde gespielt. Nur ganz selten traten hier früher professionelle Schauspieler auf. Jacques Offenbach spielte 1851 als Freund und Gast der Familie, Sarah Bernhardt probte 1900 ein Stück.
Wir beschliessen diesen Tag mit einem Risotto, zu dem uns Sylva und Fredy Bolli an Bord ihrer Pénichette einladen.
Sylva Bolli beim Risottokochen in ihrer BordkücheWir haben unseren Aufenthalt in Paray-le-Monial übrigens nicht etwa wegen eines Konzertes auf sechs Tage verlängert, wie wir das im letzten Bericht behauptet haben. Das hat nur Charlotte gemeint. Sie hat nicht gewusst, dass Christian und Tochter Annette ganz konspirativ einen Besuch von Annette auf M.S. Kinette eingefädelt hatten, als Geburtstagsüberraschung nämlich. Und diese Überraschung ist dann auch zum Volltreffer geworden. Annette steht eines Nachmittags einfach da und Charlotte ist sprachlos vor Freude.
Der Überraschungsgast – unsere Tochter AnnetteAnnette und ihre Kollegin Connie werden uns die nächsten Tage begleiten. Wir fahren das letzte Stück des Canal du Centre bis Digoin. Von hier aus führen der Canal de Roanne à Digoin südlich bis nach Roanne und der Canal latéral à la Loire nach Norden Richtung Paris.
Der Canal du Centre vor DigoinEs ist Ende September und daher noch zu früh, um schon unser Winterquartier in Roanne aufzusuchen. Jetzt, wo die Niederländer in den Niederlanden, die Deutschen in Deutschland und die Schweizer in der Schweiz sind, jetzt, wo die Häfen leer und die Wirte freundlich sind, jetzt, wo wir alle Kanäle praktisch für uns allein haben, jetzt ist das Fahren am allerschönsten. Wir entschliessen uns deshalb für einen Abstecher nach Decize, einem Städtchen mit 7'000 Einwohnern an der Loire, zwei Tagesfahrten und 16 Schleusen von Digoin entfernt.
In Digoin erhalten wir überraschend Besuch von Nell und Frits van Geijtenbeek, bei denen wir im letzten Winter, während unseres Schiffsumbaus, in Meerkerk wohnen durften. Sie haben ihre Fahrsaison beendet und sind jetzt noch ein wenig mit dem Wohnwagen unterwegs.
Nell und Frits van GeijtenbeekNach einem gemeinsamen opulenten Nachtessen an Bord von Kinette – Boeuf bourgignon à la mode de Charlotte - fahren wir an einem wundervollen Herbstmorgen weiter über die Kanalbrücke von Digoin, 12 Meter über der Loire.
M.S. Kinette auf der Kanalbrücke von DigoinDas Wasserbecken der Brücke ist 6 m breit und 2.3 m tief, also kein Problem auch für grössere Schiffe (Kinette hat nur 1 m Tiefgang). Natürlich herrscht hier Einbahnverkehr. Freie Fahrt hat das Schiff, welches zuerst an der Brücke ist.
Detail an der Kanalbrücke von DigoinNach einer Schleuse direkt am westlichen Ende der Brücke sind wir auf dem Canal latéral à la Loire. Hier werden die Schleusen noch von Hand bedient, was unseren Gästen Gelegenheit zur sportlichen Ertüchtigung gibt.
Die Schleusen am Loireseitenkanal werden noch von Hand bedientDer Loireseitenkanal ist ein beliebtes Revier für Mietboote. Aber zu dieser Jahreszeit sind wir, wie gesagt, stundenlang allein unterwegs und geniessen die stille Abgeschiedenheit.
Am LoireseitenkanalNach zwei Tagen laufen wir in Decize ein. Anlegemöglichkeiten gibt es hier zuhauf: Im Port de la Jonction, wo Crown Blue Line eine Mietbootbasis unterhält, in der alten Loire beim Office de Tourisme (Strom und Wasser gratis) und in St-Léger-des-Vignes am Beginn des Canal du Nivernais (Strom und Wasser ebenfalls gratis, aber Kostenbeitrag erwünscht).
Decize an der LoireWir entscheiden uns für den Port de la Jonction, weil er uns am geschütztesten erscheint. Erstens liegt er zwischen zwei Schleusen und zweitens liegen wir im Windschatten des Ufers.
Im Port de la Jonction von DecizeWenige Tage später wird sich diese Entscheidung als richtig erweisen: Ein kräftiger Herbststurm fegt über die Gegend und entwurzelt sogar Bäume. Kinette schaukelt nur unmerklich und wir bleiben unbehelligt.
Wenige Tage später ist der Altweibersommer in seiner ganzen Pracht wieder zurück. John, der 75jährige Schotte, der mit seinem Narrow Boat neben uns liegt, nickt in der warmen Herbstsonne über seinem Buch friedlich ein.
Ein Altweibersommer-IdyllEine halbe Velostunde vom Port de la Jonction entfernt liegt ein grosser landwirtschaftlicher Betrieb, auf welchem rund 30 Menschen mit Behinderungen arbeiten. Wir besuchen den Betrieb an seinem Tag der offenen Tür. Die Produkte – Geflügel, Schnecken, Konfitüre – werden auf den lokalen Wochenmärkten verkauft. Die Schneckenzucht ist für uns ziemlich exotisch!
Burgunder SchneckenzuchtWir nützen das andauernd prächtige Herbstwetter und unternehmen einen Sonntagsausflug mit dem Velo, 30 km dem Canal du Nivernais entlang. Das geht auf dem gut unterhaltenen Treidelpfad wie von selbst.
Château Tremblay am Canal du NivernaisWir wollen das Land aber nicht nur immer vom Kanal aus sehen, weshalb wir den Treidelpfad verlassen und auf dem nördlichen Hügelrücken zurück fahren. Die Aussicht auf die grosszügige Weite der burgundischen Landschaft ist atemberaubend.
Burgundische LandschaftJetzt sehen wir Château Tremblay, respektive die imposante Allee, welche die Zufahrt säumt, von hinten.
Zufahrt zum Château TremblayHier werden die Charolais-Rinder gezüchtet, die für ihr leckeres Fleisch berühmt sind. Mit 60 Velokilometer in den Beinen ist dieser Anblick durchaus appetitanregend.
Charolais-RinderUnterwegs machen wir die Bekanntschaft eines Rentners, der sich einen Lebenstraum verwirklicht hat und als Hobby Pferde züchtet, mit denen er im Wald arbeitet. Nach einem längeren Gespräch wissen wir etwas mehr über Pferdezucht sowie die Haltung von Arbeitspferden und haben erst noch unseren französischen Wortschatz erweitert: „Pferdekummet“ heisst „le collier“.
Ein schmuckes PaarAuf dem Weg zurück in den Port de la Jonction werden wir an der Loire mit einer wundervollen Abendstimmung verwöhnt.
Die Loire bei DecizeWir sind nach 70 Velokilometern auf unseren Klappvelos beide zu müde zum Kochen, weshalb wir das vietnamesische Restaurant heimsuchen. Es wird ein unterhaltsamer Abend, denn am Nebentisch sitzt ein bekanntes Gesicht aus der Zürcher Kantonsverwaltung mit seiner Frau. Am nächsten Morgen passieren sie die Schleuse, unterhalb welcher wir liegen, auf dem Weg nach Digoin.
Eine Schweizer Jacht in DecizeWir selbst fahren erst eine Woche später weiter, nachdem unsere Freunde Kuno und Christina mit ihrer Tochter Lara zu uns an Bord gekommen sind. Sie begleiten uns bis in unser Winterquartier nach Roanne. Sie haben unsere Post aus der Schweiz mitgebracht sowie Zeitungen und Zeitschriften. Endlich wieder einmal „NZZ am Sonntag“ und „Weltwoche“ lesen!
Es ist schon sehr herbstlich, wie wir an einem Sonntagnachmittag in Decize Richtung Digoin ablegen. Der Hafen von Pierrefitte-sur-Loire ist um diese Jahreszeit einsam und leer, dafür sind die Abendstimmung…
Abendstimmung am Canal latéral à la Loire…und die Morgenstimmung umso eindrücklicher.
Morgenstimmung am Canal latéral à la LoireDie Woche mit unseren Gästen wird uns nicht zuletzt wegen ihrer Tochter Lara zum unvergesslichen Erlebnis. Wir haben selten einen so zufriedenen und fröhlichen Menschen wie Lara erlebt. Mehrmals am Tag ruft sie aus tiefstem Herzen: „Ist das schööön!!!“
Ist das schööön!!!Beinahe wäre übrigens ein neuer Passagier zugestiegen: Das Büseli an einer Schleuse des Loire-Seitenkanals war so zutraulich und zärtlichkeitsbedürftig, dass wir es sofort in unser Herz schlossen!
Das zärtlichkeitsbedürftige Schleusen-BüseliUnd dann ist es soweit. Wir biegen bei Digoin vom Canal latéral à la Loire in den Canal de Roanne à Digoin ein. Die letzten 56 Kilometer unserer diesjährigen Schiffsreise liegen vor uns.
Die letzte Etappe zum WinterquartierDer Canal de Roanne à Digoin – „ le canal tranquille“ - wurde 1838 von der Compagnie Franco-Suisse für Schiffe von 100 bis 150 Tonnen erbaut. Ursprünglich war sogar ein Anschluss nach St-Etienne und zur Rhone über den Kanal von Givors geplant gewesen, doch zerschlugen sich diese Pläne. In den Jahren 1898 bis 1905 wurden die Schleusen auf das Freycinet-Mass (38.5 Meter lange und 5.05 m breite Péniches) ausgebaut und ihre Zahl von 13 auf 10 reduziert. Der Kanal diente damals hauptsächlich der Versorgung der Textilwebereien und Stahlwerke in Roanne mit Kohle aus den Minen von Montceau-les-Mines. Im Ersten Weltkrieg gelangte der Kanal zu grosser Blüte: In keinem andern Hafen Frankreichs wurden mehr Granaten und Kanonen verschifft als in Roanne. 1936 wurde noch über eine halbe Million Tonnen (zivile!) Fracht auf dem Kanal transportiert. Bis 1976 war das Frachtvolumen auf 19’500 Tonnen zurückgegangen und man dachte ernstlich an eine Schliessung des Kanals.1982 wurde jedoch auf Initiative des Bürgermeisters von Roanne eine Vereinigung gegründet, um den Kanal für den Bootstourismus zu erhalten und zu entwickeln. Das scheint gelungen zu sein.
Die mächtige Schleuse von Chassenard mit 6 Meter HubAls Fahrwasser ist der Kanal idyllisch und völlig ländlich. Er windet sich entlang der Loire und steigt von 231.15 auf 268.42 m.ü.M. Mit seinen vielen schmalen Stellen und der streckenweise untiefen Fahrrinne können wir nicht schneller als knapp 7 km/h fahren. Das ist uns gerade recht, denn wir wollen diese Fahrt bis zum letzten Meter auskosten. Immerhin liegen wir nachher rund fünf Monate im riesigen Hafenbecken von Roanne, unserem Winterquartier.
Es ist ein eigenartiges Gefühl. Nach rund halbjähriger Fahrt quer durch die Niederlande, Belgien und Ostfrankreich, nach über 2'000 km Fahrt auf Meeresarmen, Kanälen und Flüssen, nach dem Passieren von Hunderten von Schleusen (wir zählen sie schon lange nicht mehr!) sind wir kurz vor dem Ziel, das wir uns zu Beginn unserer Reise gesetzt hatten. Ein Telefongespräch mit der Capitainerie von Roanne bestätigt uns, dass unser Liegeplatz bereit ist und wir erwartet werden.
Und dann endlich ist es soweit. Am Nachmittag des 19. Oktober laufen wir in die Schleuse ein, welche uns noch vom Hafenbecken von Roanne trennt. Hinter dem Schleusentor sehen wir schon die am Quai vertäuten Schiffe.
Die letzte Schleuse zum Hafenbecken von RoanneEin letztes Anlegemanöver und dann liegen wir sicher vertäut am Quai.
Das letzte Anlegemanöver vor der WinterpauseIn den nächsten Tagen wird es uns an Arbeit nicht fehlen. Wir brauchen ein französisches Bankkonto (Für die Eröffnung eines Bankkontos in den Niederlanden absolvierten wir seinerzeit einen dreitägigen Ämter-Marathon, der ohne die tatkräftige Unterstützung des schweizerischen Generalkonsuls noch viel länger gedauert hätte – aber das ist eine andere Geschichte), wir brauchen eine SmartCard für den Empfang des französischen Fernsehprogramms, wir brauchen einen Telefon-Festnetzanschluss, wir brauchen einen Stromanschluss der Électricité de France mit Stromzähler – die Liste ist nicht abschliessend. Und wir werden alle unseren Nachbarn begrüssen, die wir zum Teil schon unterwegs kennen gelernt haben. Es wird uns sicher nicht langweilig werden!
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