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Bericht Nr. 22 - November 2006
Winterquartier in Roanne

Ende Oktober sind wir in Roanne angekommen und das bedeutet einen ganz neuen Abschnitt in unserem Schiffsleben.

Einkaufsstrasse in Roanne
Einkaufsstrasse in Roanne

Roanne ist nach französischen Massstäben mit rund 70'000 Einwohnern (inkl. Agglomeration) ein Provinzstädtchen. Es liegt ungefähr zwischen Clermont-Ferrand und Lyon im Département de la Loire in der Region Rhône-Alpes. Roanne ist ausserordentlich sauber und gepflegt. Es gibt in Laufdistanz vom Hafenbecken Kinos, ein Theater, eine grosse Mediathek, Fussgängerzonen mit luxuriösen Geschäften und Boutiquen, ein reiches Vereinsleben, Fitness-Club, Hallenbad, Spitalzentrum, eine Markthalle mit Bäckern, Metzgern, Fisch-, Wein- und Käse-Spezialgeschäften sowie zahlreiche Supermärkte in der näheren Umgebung.

Les Halles Diderot – ein gedeckter Delikatessenmarkt
Les Halles Diderot – ein gedeckter Delikatessenmarkt

Das Hafenbecken, in welchem wir liegen, ist sehr zentral und wir sind in wenigen Gehminuten in der Innenstadt. Dennoch ist man auch sofort im Naherholungsgebiet. Der Treidelpfad entlang dem Canal de Roanne à Digoin und der Wanderweg entlang der Loire sind ideal für stundenlange Velotouren abseits des Verkehrs. Da sich unsere Klappvelos dafür nicht eignen, haben wir uns Tourenvelos gekauft.

Wanderweg entlang der Loire
Wanderweg entlang der Loire

Im Hafenbecken selbst liegen den Winter durch rund sechzig Schiffe, viele davon bewohnt. Diese schwimmende Gemeinde ist international gemischt: Amerikaner, Australier, Engländer, Franzosen, Kanadier, Neuseeländer, Niederländer, Südafrikaner, und – mit uns – zwei Schweizer Paare. Praktisch jeden Tag ist irgendetwas los: Sprachkurse, Pétanque-Spielen, gegenseitige Schiffsbesuche, die wöchentliche Happy Hour etc.

Beim sonntäglichen Pétanque-Spiel
Beim sonntäglichen Pétanque-Spiel

Alle sind sehr hilfsbereit und unkompliziert. Man weiss ziemlich schnell, wer Spezialist ist für Schiffstoiletten, wer Elektriker, wer Mechaniker und wer Schreiner.

Amerikaner, Engländer, Niederländer und Schweizer bei französischer Konversation
Amerikaner, Engländer, Niederländer und Schweizer bei französischer Konversation

Hier also werden wir, abgesehen von einigen Kurzaufenthalten in der Schweiz und geplanten Abstechern nach Paris und Lyon, die nächsten fünf Monate verbringen. Das bedeutet in unserem Lebensrhythmus, wir haben es am Anfang erwähnt, die Umstellung von Fahrenden zu (vorübergehend) Sesshaften.

Als Sesshafte sind wir gewissen administrativen Zwängen unterworfen. Wir brauchen einen festen Stromanschluss mit Stromzähler, weil der übliche Jachthafenanschluss mit 10 Ampère für einen längeren Aufenthalt etwas schwachbrüstig ist. Einen 32-Ampère-Anschluss installiert die Électricité de France (EdF) aber nur, wenn man ein Bankkonto hat, von welchem die Stromrechnungen im Lastschriftverfahren abgebucht werden können. Um ein Bankkonto zu eröffnen, muss man in Frankreich eine EdF-Rechnung vorlegen können, welche den faktischen und nicht nur einen fiktiven festen Wohnsitz dokumentiert. Damit sich die Katze nicht in den Schwanz beisst, hat uns der Capitain du Port mit einer Attestation versehen, dass wir „résidents à l’année au port de Roanne“ sind. Ausgerüstet mit diesem kostbaren Dokument hatten wir innert einer halben Stunde ein Konto bei der Crédit Mutuel, innert einer Woche eine Kreditkarte und innert zehn Tagen das für das tägliche Leben in Frankreich unerlässliche Scheckheft.

Morgenstimmung im Hafen von Roanne
Morgenstimmung im Hafen von Roanne

Den ganzen Sommer hindurch hatten wir nie TV geschaut und die Satellitenschüssel in der Bugwerkstatt verstaut. Aber für die langen Winterabende ist Fernsehen unterhaltsam und erst noch ideal für eine Kampfwertsteigerung unserer Französischkenntnisse. Wir brauchten also einen TV-Decoder und eine SmartCard. Auch das war eine Sache von wenigen Tagen. Jetzt haben wir über 1200 Sender zur Auswahl, von France 1, 2, 3, 4 und 5 zu ARD, ZDF, Eurosport, CNN, bis hin zu Al Jazeera. Für SF DRS müsste man eine spezielle Karte haben und Konzession bezahlen, wofür uns verständlicherweise das Geld reut. Und TeleZüri sendet leider nicht über Satellit!

Der Satellit liefert uns 1200 Sender an Bord
Der Satellit liefert uns 1200 Sender an Bord

Direkt neben unserem Schiff steht am Quai ein Telefonkasten. Bill und Nancy, deren Liegeplatz wir für diesen Winter übernommen haben, hatten hier einen Festnetzanschluss. Als wir in Roanne ankamen, riefen wir sie auf ihrem Schiff in Paris an und sie liessen den Anschluss aktivieren. Jetzt brauchten wir nur noch einen Telefonapparat, ein paar Stecker und Drähte und bald darauf hatten wir eine Festnetznummer.

Montieren des externen Steckers für den Telefon-Festnetzanschluss
Montieren des externen Steckers für den Telefon-Festnetzanschluss

Schon letztes Jahr hatte uns Kapitän Max geraten, zur Verhinderung von Kondenswasser die Dieseltanks bis zum letzten Tropfen zu füllen. Seit der letzten Tankfüllung in St-Jean-de-Losne sind wir exakt hundert Stunden gefahren, weshalb wir nicht ganz 480 Liter benötigen.

Diesellieferung franko Bord
Diesellieferung franko Bord

Wir haben uns hier schon ganz wohnlich eingerichtet, als aktive Rentner sozusagen, da telefonieren unsere Freunde Käthy und Urs aus der Schweiz. Über Frankreich herrsche Flugwetter, sie hätten zwei Tage frei und ob unsere Gästekabine verfügbar sei. Natürlich ist sie das und so landet das schmucke Sportflugzeug mit der Immatrikulation Hotel Bravo – Sierra Delta Charlie am nächsten Tag auf dem kleinen Aéroport de Roanne.

Unsere Freunde Urs und Käthy landen für einen Kurzbesuch in Roanne
Unsere Freunde Urs und Käthy landen für einen Kurzbesuch in Roanne

In Roanne selbst haben wir sofort ein Beziehungsnetz. Christian ist Mitglied des Lions-Clubs Zürich-Altstadt und in Roanne gibt es, wie beinahe überall, ebenfalls einen Lions-Club. Wir werden sofort sehr kameradschaftlich und sehr warmherzig aufgenommen. Die erste Frage ist: „Was können wir für Euch tun?“ Kein Wunder, dass wir uns hier wohl fühlen! Natürlich war unsere Gegenfrage dieselbe: „Was können wir unsererseits tun?“ Und siehe da, es gibt Arbeit, wir werden für einen Billetverkauf eingesetzt. Am 1. Dezember veranstalten nämlich die beiden Lions-Clubs von Roanne zusammen mit dem Rotary-Club Roanne ein Klavierkonzert. Der russische Pianist Mikhaïl Yurkov spielt in der Eglise Notre-Dame des Victoires Werke von Mussorgsky, Rachmaninoff, Ravel und Chopin. Der Erlös des Konzerts wird für ein Projekt zugunsten madagassischer Strassenkinder verwendet.

Die langen Novemberabende sind ideal für gegenseitige Schiffsbesuche. Den Auftakt machen unsere Nachbarn Barry und Karen auf der „M.S. Eleonore“, die uns zu einem ausgedehnten und opulenten Nachtessen einladen.

Unsere direkten Nachbarn: Barry und Karen von der M.S. Eleonore
Unsere direkten Nachbarn: Barry und Karen von der M.S. Eleonore

Besonders erfreulich ist, dass das holländische Ehepaar Ton und Dikkie von der „M.Y. Vrouwe Dirkje“ ebenso begeisterte Canasta-Spieler sind wie wir. Sie bringen uns auch bei, was ein richtiges, altholländisches Captain’s Dinner ist, so wie es an Bord der Schiffe der Vereinigten Ostindischen Compagnie V.O.C. serviert wurde. Nachher spielen wir bis in alle Nacht Canasta. Mehr über Ton und Dikkie sowie ihr Schiff erfährt man – allerdings auf Niederländisch - unter www.vrouwe-dirkje.nl.

Zum Captain’s Dinner bei Ton und Dikkie
Zum Captain’s Dinner bei Ton und Dikkie

Am sehr frühen Morgen des 18. November erwacht Christian. „Irgend etwas stimmt nicht“ sagt er. „Ich spüre es genau“. Mit einem Satz ist er aus dem Bett und schlüpft in den Trainer. Tatsächlich: Das Wasser im Hafenbecken steht so hoch, dass der Quai überflutet ist und die Taue zum Zerreissen straff sind. Es hat in den letzten Tagen sehr stark geregnet und offenbar hat man loireaufwärts ein Hochwasserrückhaltebecken geleert, ohne den Schleusenwärter der Hafenschleusen zu benachrichtigen.

Das Hochwasserrückhaltebecken von Villerest
Das Hochwasserrückhaltebecken von Villerest

Wir lockern die Taue und lassen die Fender etwas sacken, damit wir nicht mit der Schiffswand an der Quaimauer scheuern. Unterdessen ist der Schleusenwärter alarmiert worden und er senkt kontrolliert den Wasserspiegel im Hafenbecken.

Herbst im Beaujolais
Herbst im Beaujolais

Beinahe wäre deswegen unser längst geplanter Ausflug ins Beaujolais-Gebiet ins Wasser gefallen. Seit dem 15. November ist nämlich der Beaujolais Nouveau im Verkauf und das ist im ganzen Beaujolais ein gefeiertes Ereignis. Unser Guide ist Simone, eine Roannaise, die wir hier kennen gelernt haben.

Herbststimmung im Beaujolais – wie in der Toskana
Herbststimmung im Beaujolais – wie in der Toskana

Eines der schönsten Hotels im ganzen Beaujolais ist das Château de Bagnols, das zu den Leading Small Hotels of the World gehört. Nicht nur werden wir dort als Besucher freundlich empfangen, nein, ein livrierter Hotelangestellter macht mit uns sogar eine Führung durch dieses atemberaubend schöne Hotel.

Das Château de Bagnols
Das Château de Bagnols

Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Haus wurde in den Jahren 1988 – 92 von Lady Hamlyn vollständig restauriert, umfasst 21 Zimmer, Suiten und Appartements sowie mehrere prächtige Säle. Näheres findet man unter www.bagnols.com.

Innenhof des Château de Bagnols
Innenhof des Château de Bagnols

Dann aber hält uns nichts mehr davon zurück, den jungen Beaujolais zu degustieren. Natürlich ist ein Wein, der gerade mal zwei Monate alt ist, kein grosser Wein, den man lange lagert und dann feierlich entkorkt. Der Beaujolais Nouveau ist ein Wein, wie ihn wohl der griechische Weingott Bacchus getrunken hat. Nur dass auf seinem Weinkrug noch nicht stand: „L’abus d’alcool est dangereux pour la santé. Consommez avec modération.“

Weinkeller im Beaujolais
Weinkeller im Beaujolais

Den Beaujolais Nouveau trinkt man Wurstspezialitäten wie Saucisson de vigneron und Andouillette, und vor allem ist er Anlass für ein fröhliches Volksfest im Beaujolais.

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Alle Bilder copyright (c) by Christian Huber.
Verwendung nur nach ausdrücklicher Genehmigung.