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Bericht Nr. 24 - Januar 2007
Die Niederlande, Frankfreich und die Schweiz im Vergleich

Seit Anfangs Mai 2005 sind wir mit unserem Schiff unterwegs, leben in den Niederlanden, in Belgien und in Frankreich und kehren jeweils nur kurze Zeit in die Schweiz zurück. Es ist wie bei einem Bild: Manchmal muss man zum Betrachten ein paar Schritte zurücktreten, um es richtig zu erfassen, um Dinge zu sehen, die man aus der Nähe gar nicht gesehen hat.

Was fällt uns in der Schweiz auf? Wir greifen drei Dinge aus dem Alltag heraus: Sprache, Banken und Verkehr.

Die Sprache
Da wir in Roanne auch ZDF empfangen können, gönnten wir uns im Ende letztes Jahr einen Abend „Wetten dass“ mit Thomas Gottschalk. Einer der Stargäste war die holländische Moderatorin und Schauspielerin Linda De Mol („Traumhochzeit“). Gottschalk sprach sie auf ihren neckischen holländischen Akzent an und bat sie, die Zuschauer auf Holländisch zu begrüssen. „Goeden avond, lieve kijkers!“ begann Linda De Mol. Die Niederlande sind der Schweiz punkto Emanzipation weit voraus. Gerade deshalb wäre in der Schweiz eine solche Begrüssung völlig undenkbar, Linda De Mol begrüsste nämlich die „lieben Zuschauer“. In der Schweiz würde sofort ein Proteststurm losbrechen und Linda De Mol vor die versammelten Gleichstellungsbüros zitiert: Warum wurden die Zuschauerinnen nicht auch begrüsst? Antwort: Weil man in Holland holländisch (und in Frankreich französisch) spricht und nicht die lustige, politisch korrekte und geschlechtergerechte Kunstsprache, welche die Schweiz befallen hat.

Früher ist uns dieser Neusprech in der Schweiz nicht so aufgefallen, aber skurril sind sie schon, die Velo Fahrenden, die zu Fuss Gehenden, die Lehrpersonen, die Demonstrierenden und die KonsumentInnen. Und das Patientinnen- und Patientengesetz (!) eines schweizerischen Kantons, aus dem folgende Rosinen stammen, wird gewiss nie einen Preis für Schönheit oder gar Verständlichkeit erhalten:

§ 9.    Die Patientinnen und Patienten haben das Recht, sich durch die eigene Seelsorgerin oder den eigenen Seelsorger betreuen zu lassen. Die Spitalseelsorge kann die Patientinnen und Patienten unauf­gefordert besuchen.

§ 15 Abs. 2 Das Einverständnis für Informationen über den Gesundheits­zustand an die gesetzliche Vertretung, die Bezugspersonen sowie die vorbehandelnde Ärztin oder den vorbehandelnden Arzt wird ver­mutet, ausser die Patientin oder der Patient äussert sich dagegen.

Dass in diesem Gesetz noch von der „Patientendokumentation“ anstatt von der „Patientinnen- und Patientendokumentation“ die Rede ist, dürfte den Tatbestand der Geschlechterdiskriminierung erfüllen…

Oder eine andere Trouvaille aus dem „Reglement über die Zulassung für das Studium an der Pädagogischen Hochschule Zürich“:

§ 9.    Für Organisation und Durchführung der Prüfung ist das Res­sort Aufnahmeverfahren zuständig. Es bestimmt die Examinatorinnen und Examinatoren sowie Expertinnen und Experten. Die Prüfungs­gebühr richtet sich nach der Verordnung über die Studiengebühren an der Zürcher Fachhochschule.

Die Banken
Wir haben ein Bankkonto in der Schweiz, in den Niederlanden und in Frankreich. In der Schweiz haben wir seit eh und je ein Bankkonto und wir sind hier bankmässig auch am besten aufgehoben. Hier zahlen wir auch Steuern. Das niederländische Bankkonto eröffneten wir, weil wir die Rechnungen für die (niederländischen) Funkgerätelizenzen und die (niederländische) Schiffsversicherung im Lastschriftverfahren abbuchen lassen wollten, um keinesfalls wegen unserer schwierigen Erreichbarkeit in Verzug zu geraten. Ein französisches Bankkonto brauchten wir, um die Rechnungen für Telefon und Strom ebenfalls im Lastschriftverfahren abbuchen zu können (Siehe Reisebericht 22).

In der Schweiz ist man sich gewohnt, dass man am Bankschalter, das entsprechende Guthaben vorausgesetzt, Geld in beliebiger Höhe und Währung abheben und einzahlen kann. Das ist weder in den Niederlanden noch in Frankreich möglich. In den Bankfilialen haben die Angestellten, wohl als Schutz gegen Überfälle, keinen Zugriff auf Bargeld. Geld wird per Bancomat nicht nur abgehoben, sondern auch einbezahlt. Überlebt hat dafür in Frankreich das Checkheft, „le chequier“. Sogar im Supermarkt hat es an jeder Kasse einen kleinen Drucker, der den Betrag in Zahlen und Worten, den Begünstigten sowie Ort und Datum automatisch druckt, sodass man nur noch unterschreiben und sich legitimieren muss.

Zur Geduldsprobe wird es, wenn im Tante-Emma-Laden, wo solche hilfreichen Druckerchen fehlen, ein altes Müetti seinen Check von A bis Z von Hand ausfüllt – aber Zeit ist hier nicht so sehr Geld, sondern Gelegenheit zu ausgiebiger Konversation. Wie sich das für die Banken rechnet, ist uns ein Rätsel, denn Spesen werden für Checks keine erhoben.

Der Verkehr
Hinter der Verkehrspolitik in den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz stehen offensichtlich ganz unterschiedliche Konzepte.

In den Niederlanden wird alles unternommen, damit der motorisierte Verkehr die Autobahnen benützt. Diese sind bis zu fünfspurig angelegt. Alle übrigen Strassen sind derart grosszügig mit allen erdenklichen Arten von Schwellen und Spurverengungen bestückt, dass man sie so wenig wie möglich benützt. Das hat allerdings den Effekt, dass die Autobahnen chronisch verstopft sind. Morgendliche Verkehrsmeldungen tönen dann etwa so: „Heute gibt es im ganzen Land insgesamt 360 km Stau. Nachfolgend alle Staus über 10 Kilometer Länge…“. Wir haben im Bericht 10 ausführlich und mit Fotos darüber berichtet. Es gibt weder Zahlstellen noch eine Autobahnvignette. Die Verkehrspolizei ist sehr präsent. Die Phasen bei den Lichtsignalanlagen in Städten und Dörfern sind sehr lang. Eine Alternative zum Strassenverkehr wäre der öffentliche Verkehr, der aber ist in den Niederlanden manchmal ziemlich schmuddelig und auch nicht sehr pünktlich. Positiv ist die konsequente Trennung des Fahrradverkehrs vom motorisierten Verkehr. Der Fahrstil der holländischen Automobilisten ist waghalsig und aggressiv, aber darüber regt sich niemand auf: Alle fahren so. Gegenüber Velofahrern sind die Niederländer rücksichtsvoll. Die Niederlande sind das Veloland par excellence. Das Fahrrad ist das Verkehrsmittel der Wahl, auch zum Einkaufen. Einkaufszentren auf der grünen Wiese gibt es nämlich praktisch nicht, ausser Möbel- und Heimwerkermärkte.

Wenn wir vom französischen Verkehr sprechen, müssen wir vorausschicken, dass wir Paris ausklammern. Wir kennen nur die Provinz und damit ist in Frankreich alles ausser Paris gemeint. Die Autobahnen, auf welchen Strassenzoll bezahlt werden muss, und die grossen Nationalstrassen sind generell in gutem Zustand. Im zentralistisch organisierten Frankreich werden Autobahnen dort gebaut, wo die Departements- oder Regionsbehörden in Paris am effizientesten lobbyieren. Der Verkehr ist ausserhalb der grossen Städte nicht sehr dicht, die Gendarmerie ist sehr präsent. Die Fahrdisziplin hat sich in den letzten Jahren sehr stark verbessert, ebenso die Rücksicht gegenüber Fussgängern und Velofahrern. Die Phasen bei den Lichtsignalanlagen in Städten und Dörfern sind sehr lang. Der Schienenverkehr ist modern, der TGV wegweisend. Aber auch die TER (Train express régional) sind modern, veraltetes Wagenmaterial sieht man nicht mehr häufig. In vielen Städten gibt es Gratisbusse. Das Verkehrsmittel der Wahl ist das Auto, denn alle grossen Einkaufszentren sind ausserhalb der Dörfer und Städte, weswegen viele Dörfer und Städtchen veröden.

Als wir das letzte Mal in die Schweiz kamen, fuhren wir ein Auto mit französischen Nummernschildern. Obwohl Christian sein Studium als Taxichauffeur verdient hat und meist am Limit fährt, wurden wir dauernd überholt. Offenbar traute man uns „Franzosen“ nicht zu, schnell genug zu fahren. Am meisten aber fielen uns die – im Vergleich zu Frankreich und den Niederlanden – schikanös kurzen Phasen bei den Lichtsignalanlagen auf. Das hat zur Folge, dass bei Grün sofort losgeprescht wird, weil nach spätestens fünf Autos wieder auf Rot geschaltet wird. Und wehe, wer nicht sofort losfährt, provoziert ein wütendes Hupkonzert! Verkehrspolizei ist in der Schweiz nicht präsent, die Fahrdisziplin entsprechend miserabel. Auch der Schienenverkehr ist europaweit einzigartig, sowohl bezüglich Pünktlichkeit als auch in Bezug auf Wagenmaterial, mit Ausnahme der kreischenden Strassenbahnen in Zürich.

Wir sind deshalb nicht unglücklich, haben wir uns für das Verkehrsmittel „Schiff“ für unsere Reisen durch Europa entschieden. Es geht auf dem Wasser entschieden gelassener zu als auf der Strasse!

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Alle Bilder copyright (c) by Christian Huber.
Verwendung nur nach ausdrücklicher Genehmigung.