Bericht Nr. 26 - März 2007
Winterpause in RoanneSo schön und abwechslungsreich das Fahren auf Kanälen und Flüssen ist, so beschränkt ist dabei die Sicht auf die Umgebung. Die Sehenswürdigkeiten abseits der Wasserstrassen bleiben unentdeckt. Je länger wir unterwegs sind, desto ausgedehnter werden deshalb unsere Aufenthalte an schönen, sehenswerten oder einfach idyllischen Orten und desto mehr unternehmen wir lange Velotouren. Während unserer Winterpause in Roanne haben wir uns – worüber wir schon berichtet haben – einer französischen Wandergruppe angeschlossen. Jeden Montagnachmittag wandern wir in einem anderen Teil in der weiteren Umgebung von Roanne und entdecken auf diese Weise Wege, Stege und Dörfchen, die uns sonst verschlossen blieben.
Im Hinterland von RoanneDas touristisch praktisch nicht erschlossene, toascana-ähnliche Hinterland von Roanne wartet geradezu darauf, entdeckt zu werden. Dass man diese Gegend hier „La Suisse Roannaise“ nennt, ist zwar etwas abgedroschen, aber nachvollziehbar.
Wandern im einsamen RoannaisWährend unserer Winterpause haben wir unseren Radius noch etwas übers Wandern und Velofahren hinaus erweitert und für ein paar Monate ein Auto gemietet. Eine unserer touristischen Exkursionen führt uns ins Zentralmassiv. Die Weite und die Einsamkeit der Landschaft sind umwerfend.
Im französischen Zentralmassiv auf 1300 m.ü.M.Im Reiseführer lesen wir von einem Dorf namens Chaudes-Aigues, wo mit 82° Celsius die heisseste Quelle Europas entspringen soll. Das Dorf ist schnell gefunden und tatsächlich dampft es in einer kleinen Gasse vielversprechend aus einem Haus.
Unscheinbar: Die heisseste Quelle EuropasEine Hinweistafel bestätigt uns, dass wir am richtigen Ort sind.
Die Quelle von Chaudes-AiguesLeider ist das dann auch alles, weil die Quellfassung renoviert wird und das zur Quelle gehörende Informationszentrum geschlossen ist.
Das Dörfchen verströmt im Übrigen den Charme eines stillgelegten Bahnhofs. Irgendwie ist die Zeit an diesem Kur- und Badeörtchen vorbei gegangen.
Der Charme von gesternUnsere nächste Station ist das Dorf Laguiole, im okzitanischen Dialekt als „La-yole“ ausgesprochen. Es liegt auf rund auf 1000 m.ü.M im Département L’Aveyron. „Laguiole“ ist in Frankreich ein Synonym für qualitativ hochstehende Messer, die man an einer stilisierten, geschmiedeten Biene auf dem Messerrücken erkennt. Diese Messer wurden hier erstmals 1829 als Allzweck-Werkzeug für Schafhirten gefertigt.
Die Schieferdächer von Laguiole„Laguiole“ ist, so lernen wir, nicht etwa ein Firmenname wie „Wenger“ oder „Victorinox“, sondern ein Dorf von rund 1300 Einwohnern und unzähligen ganz kleinen, mittleren und zwei grossen Messerschmieden. Allerdings haben es die Messerschmiede von Laguiole verpasst, den Namen schützen zu lassen, so dass sie sich heute mit billigen Imitationen aus China und Pakistan konfrontiert sehen, die allesamt wie richtige Laguiole-Messer aussehen, zumindest bis zum ersten Gebrauch…
In der Coutellerie „Benoit l’artisan“Zuerst schauen wir den Messerschmieden beim Handwerker Benedikt – „Benoit l’artisan“ – über die Schulter, dann besuchen wir „La Coutellerie de Laguiole“, wo die Messer ganz von Hand gefertigt werden (www.layole.com). Die Produktion ist hier so organisiert, dass alle Einzelteile, auch die Klingen aus Spezialstahl (für Messerfreaks: 12 C 27) in der Messerschmiede selbst gefertigt werden, worauf jeweils ein Messerschmied ein Messer von A bis Z zusammensetzt, hämmert, anpasst, bohrt, feilt und schleift.
Die noch unbearbeiteten Messerschalen – hier aus HornWeil alles Handarbeit ist, ist jedes Messer individuell und die Messerschmiede behaupten, sie könnten ohne zu Zögern erkennen, wer von ihnen ein bestimmtes Messer gemacht habe. Das wäre ja mal etwas für „Wetten, dass…“!
Die Messerschalen werden geschliffen…
… und poliertJedenfalls ist Christian vom Messer, dessen Entstehung wir mitverfolgt haben, so fasziniert, dass er sich beim betreffenden Messerschmied erkundigt, ob er dieses, genau dieses Messer kaufen könne. Er kann, und der Messerschmied – wir erfahren, dass er Tristan heisst – lässt es sich nicht nehmen, noch „Christian“ auf die Klinge zu gravieren.
Christians neues Messer, ein handgefertigtes LaguioleUnser nächstes Ziel ist Bozouls, etwa 20 km nordöstlich von Rodez, ebenfalls im Département L’Aveyron. Das Dorf ist an den Abgrund einer Schlucht gebaut, welche der Dourdou, ein harmlos aussehender Fluss, in Millionen von Jahren in einer riesigen Schlaufe tief in den Felsen gefressen hat.
Dorf am Abgrund - Le trou de BozoulsDiese Schlucht ist rund 800 m lang und über 100 m tief. Die Häuser, Strassen und Autos unten in der Schlucht sehen aus wie im Spielzeugland. Direkt am Abgrund klebt die aus dem 12. Jahrhundert stammende Kirche Ste-Fauste,
Die Kirche Ste-Fauste in BozoulsIn Bozouls übernachten wir im Hotel „A la Route d’Argent“, einem Familienbetrieb mit einer vorzüglichen Küche. Die Mutter ist am Empfang, der Vater in der Küche und die (hübsche!) Tochter serviert. All das zu einem Preis, wie man ihn nur noch in der französischen Provinz trifft.
Am nächsten Tag fahren wir wieder bis auf 1300 m Höhe, auf ein riesiges Basaltplateau namens Aubrac. Dieses Hochplateau liegt im „Dreiländereck“ der Provinzen Rouergue, Auvergne und Gévaudan. Es ist der südlichste vulkanische Ausläufer des Zentralmassivs. Die grandiose, windgepeitschte Hochebene gleicht im Winter der verschneiten russischen Steppe. Er sei hier „in loco horroris et vastae solitudinis“ schrieb ein römischer Dichter, in einem „Ort des Schreckens und der grenzenlosen Einsamkeit“. Das gleichnamige Dorf keltischen Ursprungs – Aubrac – liegt windgeschützt in einer Geländefalte am Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Im Winter eine beliebte Langlaufregion, im Sommer ein herrliches Wandergebiet, ist das Hochplateau jetzt im Vorfrühling einsam und verlassen.
Die Pilgerunterkunft Aubrac am Pilgerweg nach Santiago de CompostelaEine weitere Station dieses Pilgerwegs ist Nasbinal, ebenfalls ein Mekka des Skilanglaufs.
Kirche und Pilgerunterkunft Ste Marie von NasbinalDie Geschichte des imposanten Bauwerks verliert sich im 11. Jahrhundert. Es diente ursprünglich wohl als Unterkunft für Arme, Pilger und verirrte Kaufleute. Noch heute klopfen hier Pilger an, unterwegs nach Santiago de Compostela. Roanner Freunde haben uns von der Talsperre von Grandval in der Auvergne erzählt und einer imposanten Eisenbahnbrücke, welche diese Talsperre überspannt.
Der Stausee von GrandvalIn der Tat, nordöstlich von Chaudes-Aigues erstreckt sich in einer weitgehend unbesiedelten Gegend ein riesiger Stausee. Über dessen nördliches Ende spannt sich der 564 m lange Viaduc de Garabit, eine imposante Stahlkonstruktion, erbaut 1882 – 1884.
Der Viadukt von GarabitDen Bau leitete ein gewisser Gustave Eiffel. Dank der dabei gewonnenen Erfahrungen konnte er für die Pariser Weltausstellung von 1889 seinen berühmten, 300 m hohen Eiffelturm errichten.
Die Silhouette von Saint- FlourAuf der Rückfahrt nach Roanne sehen wir von weitem auf einem mächtigen Basaltfelsen ein Festungsstädtchen, dessen Silhouette von den zwei massiven Türmen einer Kathedrale geprägt ist. Spontan beschliessen wir, Saint-Flour näher anzuschauen. Die Mühe lohnt sich.
In den Gassen von Saint-FlourSaint-Flour zählte im Mittelalter um die 7'000 Einwohner und es sind auch heute noch nicht mehr.
„Applications générales d’électricité“ - das war einmalManchmal scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, wenn nicht im Mittelalter, dann doch im letzten Jahrhundert.
In der Kathedrale finden wir einen laut Reiseführer berühmten schwarzen Jesus, genannt „Beau Dieu Noir“…
Der schwarze Jesus von Saint-Flour… sowie zwei ausdrucksvolle Holzstatuen aus dem Mittelalter.
Mittelalterliche Holzschnitzkunst zum Ersten…
… und zum ZweitenDass das regionale Steueramt hierzulande in einem „Hôtel des Impôts“ residiert, bringt uns dann aber wieder ins Diesseits zurück.
Hier ist die Steuerschraube untergebrachtIn der Nähe von Roanne liegt Charlieu im Tal der Sornin. Weil sich hier die Strassen kreuzen, die von der Saône zur Loire und von Lyon ins Loire-Tal führen, entstand in gallo-römischer Zeit die Siedlung Carus Locus, das heutige Charlieu.
Die Benediktinerabtei von Charlieu, gegründet 870Der Ort ist sehenswert, weil es gelang, im Laufe der Jahrhunderte die Zeugnisse der Vergangenheit zu bewahren.
Das historische Stadtzentrum von Charlieu
Käsehändler aus den Pyrenäen auf dem Markt von CharlieuZu den erhaltenen Sehenswürdigkeiten zählt das alte Spital, das erst 1981 geschlossen wurde und heute als Museum zu besichtigen ist. Zumindest langweilig wurde es den Pflegebedürftigen in den grossen Krankensälen nicht!
Krankensaal im alten Spital von CharlieuCharlieu war aber auch eine Textilstadt, wo namentlich Seidenstoffe gewoben wurden. Heute werden in Frankreich nicht einmal mehr Webstühle hergestellt. Chinesischen Billigprodukten auf der einen und hochwertigen Seidenstoffen aus der Schweiz auf der anderen Seite war die örtliche Seidenindustrie nicht gewachsen. Die Webstühle und die Seidenstoffe sind daher ins Museum gewandert.
Webstühle…
… und Seidenstoffe sind ins Museum gewandertIn der Kirche Saint-Philibert bewundern wir ein prachtvolles Kirchenfenster,
…durch welches die Sonne ein buntes Muster auf den Kirchenboden zaubert.
Ob sich die Seidenweber hier ihre Inspirationen geholt haben?
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