Bericht 9, Dezember 2005/Januar 2006

Winterpause in der Schweiz

Unsere erste Fahrsaison ist – im Rückblick – ohne grössere Zwischenfälle verlaufen. Zugegeben, die Geschichte mit dem glühenden Kohlestückchen hätte sich zur Katastrophe entwickeln können (Bericht Nr. 5/2005). Und das knappe Kreuzungsmanöver auf der Maas bei Lüttich (Bericht Nr. 7/2005) hätte auch weniger glimpflich ablaufen können. Das Kurpflaumenstein-Intermezzo (Bericht Nr. 5/2005) war zwar mit Arbeit verbunden, hatte aber hohen Unterhaltungswert. Aber das alles verblasst neben den grossartigen Eindrücken, welche uns unsere Reise auf über 1800 Kilometern mit rund 300 Schleusen und 52 Anlegeplätzen in drei Ländern bescherte. Wir haben die ganze Palette erleben dürfen, von stark befahrenen, grossen Wasserstrassen bis zu verträumten kleinen Kanälen. Wir lagen mitten in pulsierenden Städten am Quai – Namur, Lüttich, Reims, Verdun, Maastricht – und wir dümpelten an idyllischen Liegeplätzen, wo uns erst quakende Enten weckten. Das Leben auf einem Hausboot hat jedenfalls alle unsere Erwartungen erfüllt und wir haben uns entschlossen, ein zweites Jahr anzuhängen.

Die Winterpause in unserem Pieds-à-terre im Zürcher Oberland machte ihrem Namen von Anfang an alle Ehre. Wir erlebten einen richtigen Oberländer Winter mit verschwenderischen Schneemengen. Zu unserem Abschied liess Pfäffikon sogar noch seinen See gefrieren – eine Geste, die wir sehr schätzten. Aber erzählen wir der Reihe nach.

Kaum waren wir in der Schweiz angekommen, kündigten sich bereits weisse Weihnachten an. Wenn wir am Morgen aus dem Schlafzimmerfenster schauten, bot sich uns ein idyllischer Anblick.

Charlotte war intensiv damit beschäftigt, alle ihre Freundinnen zu besuchen und diese Beziehungen zu pflegen. Ein herzliches Wiedersehen gab es mit Reny. Sie hatte während unserer Abwesenheit unsere Wohnung besorgt und die Post nachgeschickt. Mit ihrem Hund Beni haben wir stundenlange Wanderungen unternommen. Hier muss eingefügt werden, dass Christian fürs Leben gerne wieder einen Hund hätte, während Charlotte befürchtet, damit zu sehr angebunden zu sein.

Christian seinerseits traf ehemalige Regierungskollegen, Verwandte, Bekannte, politische und andere Freunde, hielt vor nautisch interessierten Zirkeln sowie in Rotary- und Lions-Clubs Vorträge über das Leben auf dem Wasser und war in der verbleibenden Zeit unterwegs als freiwilliger und ehrenamtlicher Fahrer für TIXI, den Transportdienst für Menschen mit einer Behinderung.

Erst jetzt realisierten wir auch, wie sehr wir unsere Kinder vermisst hatten. Wir haben jede Minute mit ihnen genossen. Dass sie ihre Ferien wieder auf unserem Schiff verbringen werden, hat uns den Abschied einigermassen erträglich gemacht.

Christians betagte Mutter besuchten wir regelmässig im Altersheim. Trotz ihrer bald 94 Jahre wollte sie alles über unser Leben auf dem Schiff wissen. Es ist für uns beruhigend, zu wissen, dass sie von Frau Zwyssig und ihrem Team liebevoll betreut wird.

Zusammen durften wir in unserer alten Heimat erleben, wie sehr wir hier immer noch verwurzelt sind. Die Herzlichkeit und Grosszügigkeit unserer ehemaligen Nachbarn war überwältigend. Beeindruckend ist auch, was Dieter und Vivian aus unserem ehemaligen Haus gemacht haben. Wir genossen ihre Gastfreundschaft in vollen Zügen. Wenn das noch lange so weiter gegangen wäre, hätten wir uns kaum von Pfäffikon losreissen können!

Einen unterhaltsamen Abend verbrachte Christian zusammen mit TeleZüri-Chef Markus Gilli im «Talk täglich». Er war, wie offenbar 81% der Zürcherinnen und Zürcher, der Überzeugung, Christian gäbe noch einen guten Ständerat ab. Bis Herbst 2007 wird noch viel Wasser die Maas hinunter fliessen und wir lassen das einmal gelassen auf uns zu kommen.

Die Winterpause gab uns aber auch die Gelegenheit, unseren gemeinsamen Freundeskreis ausgiebig zu pflegen. So durften wir den Sylvesterabend im Kreise lieber und langjähriger Freunde verbringen von denen wir hoffen, dass wir auch sie im Laufe dieses Jahres als Gäste auf «M.S. Kinette» begrüssen dürfen.

Einen wunderschönen Tag verbrachten wir mit Franz und Trix Huber, einem Cousin von Christian, also einem waschechten Walenstadter Huber. Von ihrem Heim in Beckenried aus fuhren wir mit der Kabinenbahn auf die Klewenalp und unternahmen von dort aus eine dreistündige Wanderung.

Das Nebelmeer war überwältigend. Die spektakulären Nebelmeerfotos, auf welchen man sogar die Dampfwolken der Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt sieht, haben wir unseren Freunden in den Niederlanden diesmal bewusst nicht geschickt. Als wir das letzte Mal eine Nebelmeerfoto in die Niederlande schickten, konnten sie überhaupt nicht verstehen, warum wir unsere Lebensmittelpunkt hierher verlegt hatten.

Als wir ihnen das letzte Mal die Foto eines Zürcher Oberländer Nebelmeeres schickten, schrieben Sie uns nämlich zurück: «Warum um Gottes Willen wollt Ihr in den Niederlanden auf dem Wasser leben?» Das fragen wir uns, ehrlich gesagt, manchmal auch. Wenn wir uns dann allerdings die Reiseberichte des letzten Jahres wieder reinziehen, wissen wir schon, warum.

Eigentlich hatten wir ja geplant, während der Winterpause auf einem Rheinschiff als Hilfsmatrosen anzuheuern. Dazu kam es leider nicht, weil sich unsere Agenda in atemberaubendem Tempo gefüllt hatte. Stattdessen reisten wir ins Loiregebiet, wo wir unsere amerikanischen Freunde Bill und Nancy besuchten. Sie überwintern seit fünf Jahren in Roanne auf ihrer «M.S. Eclaircie». Sie offerierten uns für den nächsten Winter ihren dortigen Liegeplatz, weil sie in Paris überwintern werden. Roanne hat uns so gefallen, dass wir überzeugt sind, dass Dach werde uns nicht auf den Kopf fallen. Im Notfall wären wir mit dem Zug in rund sieben Stunden wieder in Pfäffikon.

Drei Ereignisse während unseres Winteraufenthaltes in der Schweiz verdienen eine besondere Erwähnung: Da war einmal das 50jährige Firmenjubiläum unseres lieben Freundes Köbi Grimm in Holzhausen bei Oetwil am See. Das ist noch ein Unternehmer von altem Schrot und Korn, der ganz klein begann und mit Weitsicht und Risikofreude ein kerngesundes Entsorgungs-Unternehmen aufbaute.

Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch der Rheinsalinen. Christian hatte dort während seiner Regierungszeit im Verwaltungsratsausschuss mitgearbeitet. Direktor Dr. Jürg Lieberherr liess es sich nicht nehmen, uns den neu erbauten, grossartigen Saldome persönlich zu zeigen. Höhepunkt dieses Besuchs war aber der Rundgang durch das Salzmuseum. Was Jürg Lieberherr hier in jahrelanger Sammlertätigkeit zusammengetragen hat, ist beeindruckend. Die eindrücklichsten Modelle hat der promovierte Maschineningenieur in seiner Freizeit sogar selbst gebaut! Gibt es ein Wiedersehen in Hengelo?

Unvergesslich wird uns als drittes Ereignis die Pfäffiker Seegfrörni bleiben. Unbescheiden wie wir sind, kam es uns so vor, als wolle Pfäffikon zeigen, wie schön es doch hier sei. Bei strahlendem Winterwetter unternahmen wir stundenlange Wanderungen auf dem See. Einziger Wermutstropfen war die Inversionslage, welche zu einer spürbaren Feinstaubbelastung führte.

Die drei Monate in der Schweiz gingen viel zu schnell vorbei. Aber der Werfttermin rückte unerbittlich näher und am 7. Februar 2006 fuhren wir zurück in die Niederlande.

Während des Umbaus können wir nicht auf dem Schiff wohnen, wie wir ursprünglich geplant hatten. Unsere niederländische Freunde Nell und Frits, die Eigner der «Shell V», überliessen uns grosszügig eine geräumige und gemütliche Wohnung in ihrem umgebauten Bauerngehöft am Merwedekanal.

Zur Begrüssung bekochten wir sie mit einem echten schweizerischen Fondue.

Es hat ihnen so gut geschmeckt wie unseren amerikanischen Freunden in Roanne. Von diesem Aufenthalt und dem Schiffsumbau erzählen wir im nächsten Bericht.

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2 Gedanken zu „Bericht 9, Dezember 2005/Januar 2006

  1. Ich freue mich sehr, Euren ausführlichen und informativen Bericht gefunden zu haben. Ich tüftle gerade an einer ähnlichen Rundreise mit dem Hausboot von Toul aus – und es gibt nur ganz wenige Berichte von diesem Revier.
    Weiterhin alles Gute und viele Grüße aus Wien von der Landratten-Crew ….

  2. Jullie realiteit(een reis/huisboot) is mijn wens. Leuk om al die plaatsen van vroeger weer te zien. Mijn tip: ook het oosten en noorden van Nederland is een reis waard. Veel plezier op de verdere reis.

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