Bericht 14, Mai 2006

Leimuiden – Gouda – Gorinchem

Nach unserer Ankunft auf der Werft in Leimuiden musste Christian für ein paar Tage in die Schweiz. In dieser Zeit blieb Charlotte allein auf dem Schiff zurück und kümmerte sich darum, dass die restlichen Umbauarbeiten zügig erledigt wurden. Ziel war, am 23. Mai mit einer Schwester von Charlotte und ihrem Mann, die zusammen mit Christian aus der Schweiz kamen, auf Fahrt zu gehen. Und tatsächlich hiess es am 23. Mai um die Mittagszeit «Leinen los»!

Auf der Fahrt nach Gouda mit Margrith und Alfons

Auf der Fahrt nach Gouda mit Margrith und Alfons

Bei Regenwetter und einem unfreundlichem Nordwestwind pflügte Kinette durch die Wellen des Brassemermeers. Unser erstes Tagesziel Ziel war Gouda. Auf unserer ersten Reise vor einem Jahr hatten wir noch vorsichtigerweise ausserhalb des Städtchens an einem sogenannten Passantensteg festgemacht. Diesmal wollten wir es wissen und fuhren durch die Stadtschleuse mitten in die Stadt hinein. Es lohnte sich, denn an der Turfsingelgracht fanden wir einen ruhigen Liegeplatz.

An der Turfsingelgracht in Gouda

An der Turfsingelgracht in Gouda

Gouda ist ja ein Synonym für holländischen Käse, ähnlich Edam. Aber Gouda hat mit seinem mittelalterlichen Stadtbild und seinen verträumten Grachten viel mehr zu bieten als nur Käse. Der prächtige Käsemarktplatz mit seinem wunderschön restaurierten, völlig freistehenden Rathaus ist wirklich eindrücklich.

Das Rathaus von Gouda

Das Rathaus von Gouda

Allerdings hat Gouda auch mit massiven Problemen zu kämpfen. Ein grosser Teil der Bevölkerung besteht aus eingewanderten Marokkanern, und wie so oft ist die zweite Generation nicht mehr marokkanisch und noch nicht holländisch. Wir persönlich merkten allerdings nicht viel von diesen Problemen. Was uns immerhin auffiel, war eine Tafel am Anfang der Fussgängerzone, auf der für alle möglichen Übertretungen saftige Bussen angedroht wurden.

Bussen gibt es für «wildplassen» (im Freien pissen), «nachtelijk lawaai» (nächtlichen Lärm), «nuttigen alcohol op de openbare weg» (auf der Strasse Alkohol konsumieren) und «afval op straat gooien» (Abfall auf die Strasse werfen)

Bussen gibt es für «wildplassen» (im Freien pissen), «nachtelijk lawaai» (nächtlichen Lärm), «nuttigen alcohol op de openbare weg» (auf der Strasse Alkohol konsumieren) und «afval op straat gooien» (Abfall auf die Strasse werfen)

Tatsache ist aber, dass in Holland vor allem reformierte Kirchen geschlossen oder umgenutzt und laufend neue Moscheen eröffnet werden. Das birgt politischen, religiösen und gesellschaftlichen Sprengstoff. Die Ermordung des rechtsstehenden Politikers Pim Fortuyn durch einen linken Mörder und des islamkritischen Filmemachers und Kolumnisten Theo van Gogh durch einen jungen Moslem müssten eigentlich deutliche Warnzeichen sein.

Jedenfalls verliessen wir bei anhaltend schlechtem Wetter Gouda durch die kleine Mallegatschleuse und bogen über Backbord (für Landratten: nach links) auf die Hollandsche IJssel ab. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein wenig befahrenes idyllisches Flüsschen, das sich durch eine sehr ursprünglich holländische Landschaft schlängelt. Berufsverkehr ist hier kaum anzutreffen und wir waren meistens ganz für uns allein.

Die Hollandsche IJssel

Die Hollandsche IJssel

Ein Paradies für Wasservögel

Ein Paradies für Wasservögel

Weil unsere Gäste ihr Auto in Leimuiden stehen hatten, fuhren wir in einem riesigen Bogen über den Merwedekanal und die Merwede nach Dordrecht und von dort wieder gegen Norden nach Leimuiden zurück.

Unsere neue Gästekajüte bestand ihre Feuertaufe mit Bravour, unsere Gäste fühlten sich von Anfang an wohl.

Unsere Gästekajüte vor...

Unsere Gästekajüte vor…

...und nach dem Umbau

…und nach dem Umbau

Die Nasszelle vor...

Die Nasszelle vor…

...und nach dem Umbau

…und nach dem Umbau

Wir selbst genossen diese Zeit in vollen Zügen, weil wir endlich wieder einmal bis in alle Nacht hinein jassen und Rommé spielen konnten.

Zurück in Leimuiden kamen bereits die nächsten Gäste, Reny und Maria, zwei ehemalige Nachbarinnen aus Pfäffikon an Bord. Auch mit ihnen spielten wir bis in alle Nacht hinein.

Spielabende an Bord

Spielabende an Bord

Als wir am Morgen des 30. Mai ablegten, wölbte sich über dem gegenüberliegenden Quai ein prachtvoller doppelter Regenbogen. Wenn das kein gutes Omen war!

Doppelter Regenbogen über dem Quai von Oude Wetering

Doppelter Regenbogen über dem Quai von Oude Wetering

Und in der Tat besserte das Wetter von Tag zu Tag. Unsere erste Station war wiederum Gouda und wir fühlten uns bereits wie Fremdenführer, als wir Reny und Maria die verborgenen Reize und die beste Konditorei dieses Städtchens zeigten.

Die bereits erwähnte Hollandsche IJssel ist ein Tidengewässer. Das bedeutet, dass bei Flut der Wasserstand steigt und bei Ebbe sinkt. Wegen der bereits erwähnten Mallegatschleuse sowie der Gouweschleuse am anderen Ende ist der Wasserpegel im Städtchen Gouda konstant.

Die Mallegatschleuse in Gouda, von der Hollandsche IJssel aus gesehen

Die Mallegatschleuse in Gouda, von der Hollandsche IJssel aus gesehen

Als wir am Morgen des 31. Mai aus Gouda losfahren wollten, war der Wasserstand auf der Hollandschen IJssel so hoch, dass wir nicht unter der festen Brücke der Mallegatschleuse hätten durchfahren können. So blieb uns nichts anderes übrig, als rückwärts aus der Turfsingelgracht zu fahren, vor der Gouweschleuse an Ort um 180 Grad zu drehen und via Gouwe- und Julianaschleuse auf die Hollandsche IJssel zu fahren. Dort erwartete uns die Waaierschut-Schleuse, die kleinste Schleuse, die wir je befahren haben. Wir mussten bis dicht ans obere Schleusentor fahren, damit der Schleusenwärter das untere Tor überhaupt schliessen konnte.

Es geht eng zu und her in der Waaierschut-Schleuse!

Es geht eng zu und her in der Waaierschut-Schleuse!

Diesmal machten wir in Oudewater Station.

Liegeplatz in Oudewater

Liegeplatz in Oudewater

Dieses historische Städtchen ist für seine Hexenwaage berühmt. Darauf wurden im Mittelalter der Hexerei verdächtigte Frauen gewogen. Durchaus einleuchtender Grund war, dass nur Leichtgewichte mit dem Besen fliegen können. Sowohl Charlotte als auch Reny und Maria verzichteten auf die Wägezeremonie. Christian konnte sich den Kommentar nicht verkneifen, das Resultat sei ohnehin bekannt.

Häuserzeile in Oudewater

Häuserzeile in Oudewater

Eine Tafel am Rathaus von Oudewater informierte über die Baugeschichte dieses historischen Monuments und erwähnte auch das Storchennest auf dem Giebel des Rathauses.

Das Storchennest auf dem Dach des Rathauses von Oudewater

Das Storchennest auf dem Dach des Rathauses von Oudewater

Leider, so hiess es, nisteten dort seit 1980 keine Störche mehr. Diese Tafel hat allerdings diesem Storchenpaar wenig Eindruck gemacht.

Aber ist dieses Storchenpaar echt?

Aber ist dieses Storchenpaar echt?

Es ist echt: Das Storchenpaar auf dem Rathaus von Oudewater

Es ist echt: Das Storchenpaar auf dem Rathaus von Oudewater

Nach einem Zwischenhalt in Vianen fuhren wir weiter nach Gorinchem, wo wir von der Hafenmeisterin wie gute alte Freunde begrüsst wurden. Irgendwie haben wir uns hoffnungslos in diese alte Festungsstadt an der Merwede (so heisst der Rhein hier) mit ihren heute 35’000 Einwohnern verliebt.

Gorinchem an der Boven Merwede

Gorinchem an der Boven Merwede

Die Festungsstadt mit ihrer rund 600jährigen Geschichte lohnt einen kurzen historischen Rückblick. Gorinchem entstand um das Jahr 1000 an den Ufern der Linge als Fischerdorf rund um den Hof des Gorik. Ab dem 13. Jahrhundert entwickelte sich Gorinchem unter der Herrschaft der Herren von Arkel zu einer mittelalterlichen Stadt und erhielt 1382 das Stadtrecht. 1412 kam die Stadt in den Besitz holländischer Grafen aus – nacheinander – bayerischem, burgundischen und österreichischem Haus. Als es 1581 zur Republik der Vereinigten Niederlande kam, erlebte es einen grossen wirtschaftlichen Aufschwung.

Dank seiner Lage zwischen den beiden Flüssen Merwede und Linge erhielt Gorinchem schon früh strategische Bedeutung. Es wurde Teil des sogenannten Festungsdreiecks Slot Loevestein, Fort Vuren, Woudrichem und Gorinchem.

Das alte Festungsstädtchen Woudrichem...

Das alte Festungsstädtchen Woudrichem…

...mit seinem historischen Hafen

…mit seinem historischen Hafen

Vuren und Loevestein sind Teil der holländischen Wasserlinie (www.hollandsewaterlinie.nl). Die Niederlande sind ja bekannt für ihren jahrhundertelangen Kampf gegen das Wasser. Dass das Wasser auch ein Verbündeter war, ist weniger bekannt. In Kriegszeiten fluteten die Niederländer das Land, um feindliche Truppen abzuwehren. Dank der Alten Holländischen Wassserlinie konnte 1672 der Vormarsch der französischen Truppen gestoppt werden. Von 1815 bis 1885 wurde dann die Neue Holländische Wasserlinie angelegt. Sie reichte über 85 Kilometer Länge von der Zuiderzee (heute IJsselmeer) bis zum Biesbosch, war zwischen 3 und 5 Kilometer breit und umfasste rund 60 Verteidigungswerke sowie etwa 1000 Schleusen, Deiche, Kanäle und Kasematten. Gegen den Einfall der Deutschen 1940 nützte das nichts: Die Deutschen setzten einfach Fallschirmjäger hinter den Linien ab.

Warum übrigens der Rhein hier nicht mehr Rhein heissen darf, sondern zuerst Merwede und dann Waal, wissen wir nicht. Aber ein eindrücklicher Strom ist er schon!

Der Rhein heisst hier Boven Merwede

Der Rhein heisst hier Boven Merwede

Von Gorinchem aus unternahmen wir längere Velotouren ins grüne Hinterland. Schliesslich befanden wir uns hier im sogenannten «Grünen Herz» der Niederlande.

Unterwegs auf dem Merwededeich

Unterwegs auf dem Merwededeich

Eine holländische Spezialität sind die zahlreichen winzigen Fähren für Velofahrer und Fussgänger (In der holländischen Sprache gibt es übrigens derart grässlichen Unsinn wie «Velo fahrende» und «zu Fuss gehende» gottseidank nicht! Derart malträtiert man die Sprache nur in der Schweiz).

Velofähre über die Linge

Velofähre über die Linge

Mit der Velofähre am anderen Ufer angekommen, lockten köstliche Torten und Kuchen, worauf wir uns sofort niederliessen.

Köstliche Torten und Kuchen locken

Köstliche Torten und Kuchen locken

Das die ganze Pracht künstlich war, merkten wir erst nachher. Die wirklich aufgetragenen Kuchen waren aber nicht minder köstlich!

Der oben erwähnte Biesbosch, ein riesiger Naturpark mit zahlreichen, verschlungenen Wasserwegen ist unser nächstes Ziel.

Facebook
Google+
http://www.kinette.ch/index.php/2006/06/15/bericht-14-mai-2006/
Twitter

Ein Gedanke zu „Bericht 14, Mai 2006

  1. Hallo Charlotte und Christian,
    habe wiedereinmal in Euer Tagebuch reingeschaut und festgestellt das Ihr Zwischenzeitlich sehr weit gekommen seid.Die Reiseberichte im Tagebuch sind interessanter als der Tagesanzeiger und vermitteln uns die Eindrücke ,als währen wir bei Euch auf dem Schiff. Wir hoffen das Ihr noch viele Tage und Wochen oder Monate uns die wunderbaren Eindrücke mitteilt die Ihr erleben dürft auf Eurer Reise mit der Kinette.

    Viele liebe Grüsse aus Ballwil Ueli & Claudia

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *