Bericht 50, März/April 2009

Abschied von Roanne

Partir c’est toujours mourir un peu – wir erleben es ungefiltert.

Zuerst der Abschied von den Lions-Freunden. Christian hält im Lions Club Roanne einen Diavortrag über die schiffbaren Wasserstrassen als technische Wunderwerke. Es ist ein Abendessen mit den Ehefrauen, und noch nie sind so viele Ehepaare und Witwen verstorbener Lions erschienen. «L’Assiette Roannaise», ein Feinschmeckerrestaurant in Saint Forgeux Lespinasse, platzt aus allen Nähten. Der Vortrag fesselt die Zuhörer, sie bedanken sich mit einer standing ovation und am Schluss überreicht der Präsident des LC Roanne, Bernard Demeure-Besson, Christian ein Buch über Roanne als Abschiedsgeschenk und als Dank für die aktive Teilnahme am Clubleben.

Zusammen mit Bernard Demeure-Besson, dem Präsidenten des Lions-Club Roanne

Zusammen mit Bernard Demeure-Besson, dem Präsidenten des Lions-Club Roanne

Die standing ovation und die Widmung treiben uns Tränen der Rührung in die Augen:

«Avec toutes mes amitiés et les amitiés des membres de notre Club, pour votre présence qui nous a enchanté pendant les 3 dernières années. Avec l’espoir de vous compter à nouveau parmi nous – Bernard.»

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In den Nachrichten hören wir ungläubig staunend, dass in der Schweiz und in Teilen Deutschlands der Winter munter weiter wintert und einfach keine Kenntnis vom Frühlingsanfang nehmen will. Hier profitieren wir seit rund drei Wochen von einem stabilen Hoch. Wie wir schon im letzten Bericht Nr. 49 erzählt haben, haben wir mit Schleif- und Malarbeiten begonnen. Im letzten Frühling strichen wir das Deck neu, im Sommer die Seitenwände von Salon und Achterkajüte, im März das Dach von Achterkajüte und Salon an der Reihe, jetzt erhalten Bug und Heck noch einen neuen Anstrich. Das Wetter scheint mitzumachen.

Morgennebel im Hafen von Roanne

Morgennebel im Hafen von Roanne

Morgens liegt jeweils noch ein Nebelchen über dem Hafen, aber dann wird es klar, strahlend blauer Himmel bei noch etwas tiefen Temperaturen. Aber der Barometer verspricht ein Hoch und so packen wir’s an. Als wir das Dach der Achterkajüte strichen, liessen wir unser Beiboot zu Wasser. Dieses kommt mehrfach zum Einsatz.

Das Beiboot als Malerplattform

Das Beiboot als Malerplattform

Die erste Schicht ist weisse Grundierung...

Die erste Schicht ist weisse Grundierung…

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Zweitens retten wir mit dem Beiboot einen Hund. An einem friedlichen Sonntagmorgen hören wir aufgeregte Rufe. Ein Hund ist ins Wasser gefallen, ist in Panik geraten und versucht – natürlich vergeblich –, sich beim Überlauf der Schleuse durchs Gitter zu zwängen.

Rettung eines Hundes bei der Schleuse

Rettung eines Hundes bei der Schleuse

Zusammen mit Eric, unserem amerikanischen Nachbarn aus Colorado, gelingt es Christian, den Hund aus dem Wasser zu ziehen.

Klatschnass und erschöpft, aber gerettet

Klatschnass und erschöpft, aber gerettet

Die überglückliche Hundehalterin erscheint eine halbe Stunde später an Bord mit einer exzellenten Flasche Bordeaux. Im Gegensatz zum Hund überlebt dieselbe den Tag nicht.

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Drittens unternehmen wir an einem herrlich warmen Sonntagnachmittag eine gemütliche Ruderpartie durch das Hafenbecken.

Sonntägliche Ruderpartie

Sonntägliche Ruderpartie

Das Hafenbecken ist rund 700 m lang und etwa 100 m breit. Aber weil es unterwegs immer wieder einen Schwatz gibt, brauchen wir eine ganze Stunde für die etwas über anderthalb Kilometer…

Auch wenn das Beiboot optisch und materialmässig wunderbar zu unserem Schiff passt, werden wir es doch in Holland verkaufen. Bei Fischern sind diese praktisch unzerstörbaren, aus bestem Schiffsbaustahl geschweissten und mit Luftkästen versehenen «Beenhakkertjes» sehr begehrt. Wir selber möchten wieder ein Schlauchboot mit einem anständigen Motor.

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Im Laufe der Zeit sammelt sich einiges an in einem Schiff und der Frühling ist die richtige Zeit, für eine grössere Räumungsaktion. Also veranstaltet die Schiffergemeinschaft am Quai einen «vide grenier», einen der in Frankreich überaus populären Flohmärkte.

Flohmarkt am Quai

Flohmarkt am Quai

Eine alte Wasserpumpe, ausrangiertes Werkzeug, Campingstühle, alte Filtergehäuse – alles geht im Nu weg, wenn auch nur zu eher symbolischen Preisen.

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Und ehe wir es uns versehen, steht Ostern vor der Tür. Wir erkennen es daran, dass die kleinen Enten-Flaumbällchen munter und noch etwas unbeholfen im Hafenbecken herumschwadern.

Ostern kündigen sich an

Ostern kündigen sich an

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Ein paar Tage vor Ostern sind unsere Nachbarn, die Australier Sally und Tony, mit ihrer Dutch Barge Replica «Sable» ausgelaufen. Ihr erstes Ziel ist das Atélier Fluviale in Saint-Jean-de-Losne, wo «Sable» einen neuen Unterwasseranstrich erhalten wird.

«Sable» fährt aus der Hafenschleuse aus

«Sable» fährt aus der Hafenschleuse aus

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Über Ostern machen wir «Kinette» fahrklar. Wir legen den Mast, die blaue Tafel und den Antennenbügel, weil wir bis zur Seine auf Kanälen mit tiefen Brücken (minimale Durchfahrtshöhe 3.45 m) fahren werden. Dann werden alle beweglichen Teile des Antriebs abgeschmiert und das Ventilspiel des Schiffsdiesels wird kontrolliert. Zu guter Letzt werden alle Tanks platschvoll gefüllt: Diesel, Heizöl und Wasser. Währenddessen ist Charlotte am Einkaufen, füllt den Weinkeller und ergänzt die Lebensmittelvorräte.

«Kinette» läuft in die Hafenschleuse ein

«Kinette» läuft in die Hafenschleuse ein

Am Ostermontag, um die Mittagszeit, ist es dann soweit, dass wir auslaufen. In Windeseile hat sich in der Hafengemeinschaft herumgesprochen, dass wir auslaufen und voraussichtlich erst in anderthalb Jahren wieder zurückkehren.

Abschied von der Hafengemeinschaft

Abschied von der Hafengemeinschaft

Zu unserer freudigen Überraschung findet sich die ganze Hafengemeinschaft an der Schleuse ein, um uns zu verabschieden. Einigen werden wir unterwegs bestimmt begegnen!

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Vier Stunden Fahrt und drei Schleusen später legen wir am kleinen Halte fluviale von Melay-sur-Loire an. Hier wohnen französische Freunde von uns, die uns einmal in ihr Landhaus zum Nachtessen eingeladen haben. Jetzt sind wir mit unserem schwimmenden Haus zu ihnen gekommen und können eine Gegeneinladung aussprechen.

Melay-sur-Loire

Melay-sur-Loire

Wir laden unsere Freunde zum Mittagessen ein und dieses zieht sich, wie hierzulande üblich, bis spät in den Nachmittag hinein.

Lunch at Captain’s table

Lunch at Captain’s table

Nach dem Mittagessen brechen wir zu einem ausgedehnten Verdauungsspaziergang auf in eine Landschaft, in welcher die Zeit seit dem Mittelalter stehen geblieben zu sein scheint.

Eine Landschaft wie im Mittelalter

Eine Landschaft wie im Mittelalter

In den letzten drei Jahren haben wir den Canal de Roanne à Digoin quasi als Zufahrtsstrasse zu unserem Winterquartier betrachtet und die Strecke jeweils in zwei Tagen zurückgelegt. Dank unseren Freunden entdecken wir jetzt diese abgeschiedene, ländliche Gegend, fernab vom Tourismus.

Die «Stèle Jean Moulin» bei Melay-sur-Loire

Die «Stèle Jean Moulin» bei Melay-sur-Loire

Der Boden ist geschichtsträchtig und ein schlichtes Denkmal zwischen der Loire und dem Kanal, die Stèle Jean Moulin, erinnert daran: Hier setzte in der Nacht vom 19. auf den 20. März 1943 ein britisches Lysander-Flugzeug drei führende Widerstandskämpfer ab: Jean Moulin (sollte im Auftrag de Gaulles die französische Résistance vereinigen, wurde verraten, am 8. Juni 1943 von der Gestapo verhaftet und zu Tode gefoltert), General Charles Delestreint (Chef der armée secrète, zusammen mit Jean Moulin verhaftet und kurz vor Kriegsende in einem deutschen KZ von der SS erschossen) sowie Christian Pineau (Gründer zweier Widerstandsnetze, im Mai 1943 von der Gestapo verhaftet,1945 von den Amerikanern aus dem KZ Buchenwald befreit, 1956–1958 französischer Aussenminister).

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Wir sind am Ostermontag ausgelaufen und fahren erst am Sonntag darauf weiter. Vier Stunden Fahrt und drei Schleusen in sechs Tagen – das ist unser Langsamkeitsrekord!

Kinette im Grünen

Kinette im Grünen

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Ganz in der Nähe liegt Anzy-le-Duc, dessen Gründung in die karolingische Zeit zurück reicht. Im Jahre 876 schenkte der Edelmann Lethbaldus zusammen mit seiner Gemahlin Altasia seine Villa «Enziacum» dem Kloster Saint-Martin in Autun und aus der Villa entstand ein Kloster. Dessen erster Prior, Hugo von Poitiers, stand im Geruche der Heiligkeit. Als er 930 starb, wurde sein Grab zum Wallfahrtsziel für Pilger, die der Loire entlang zogen.

Das Grab von Hugo von Poitiers aus dem Jahre 930 in der Krypta

Das Grab von Hugo von Poitiers aus dem Jahre 930 in der Krypta

Die wachsende Zahl der Gläubigen machte zu Beginn des 11. Jahrhunderts einen Neubau notwendig, der grösser war, aber auch einen würdigen Rahmen für die Gebeine des Heiligen bilden sollte. Dieser Neubau umfasste auch eine wunderschöne romanische Kirche, die erhalten geblieben ist.

Die romanische Kirche von Anzy-le-Duc en Brionnais

Die romanische Kirche von Anzy-le-Duc en Brionnais

Sehenswert ist die Kirche nicht nur wegen ihres sehr oberitalienisch anmutenden Turms, sondern vor allem wegen ihrer reichen Bauplastik. Im Innern zählt man nicht weniger als 40 Kapitelle mit zum Teil eindrücklichen Tier- und Pflanzenskulpturen.

Kapitell in der Kirche von Anzy-le-Duc

Kapitell in der Kirche von Anzy-le-Duc

Eindrücklich ist auch der Reichtum der Skulpturen auf der Südseite des Aussenbaus.

Konsole auf der Südseite der Kirche von Anzy-le-Duc

Konsole auf der Südseite der Kirche von Anzy-le-Duc

Für die Aussenskulpturen der Kirche kommt das Tele zum Einsatz

Für die Aussenskulpturen der Kirche kommt das Tele zum Einsatz

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Für alle diejenigen, die mit romanischen Kirchen nichts am Hut haben und mehr technikorientiert sind, haben wir einen technischen Leckerbissen gesichtet. Zwar nicht aus dem 11. Jahrhundert, sondern aus dem 20. Jahrhundert.

Bugatti 1925 im Privatbesitz und im täglichen Gebrauch(!)

Bugatti 1925 im Privatbesitz und im täglichen Gebrauch(!)

Wie wir nämlich durch Marcigny flanieren, hören wir den wundervollen Sound eines alten Benzinmotors und ein Bugatti fährt auf den Dorfplatz, wo ihn der Besitzer ganz selbstverständlich parkiert.

So schön kann Technik sein!

So schön kann Technik sein!

Was man anderswo ehrfürchtig im Automuseum bestaunt, was von jedem Autosammler mit Gold aufgewogen würde, was jedem Technikfreak das Wasser im Munde zusammen laufen lässt, steht hier ganz selbstverständlich im täglichen Gebrauch: Ein Bugatti Zweisitzer Typ 35 von 1925.

Bei aller Bewunderung für dieses klassische Auto aus dem Jahre 1925 wollen wir doch nicht vergessen, dass der Rumpf unseres Schiffes drei Jahre älter und ebenfalls unvergleichlich elegant ist…

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Zu allerletzt fliegt unser Freund und Lionskollege Paul Vidal, dem wir so viel zu verdanken haben, mit seinem Flieger eine Ehrenrunde über unserem Schiff, um uns auf seine Weise zu verabschieden!

Paul Vidals Abschied

Paul Vidals Abschied

Falls es Ihnen in diesem Bericht zu wenig nautisch zu- und hergegangen ist, so gedulden Sie sich doch bis zum Bericht Nr. 51. Schliesslich sind wir ja eben erst losgefahren!

Aus dem Logbuch

  • Melay-sur-Loire. Linkes Ufer vor Brücke. Quai mit Pollern. Strom (bei der Einfahrt zum Parkplatz hat es am Laternenpfahl einen Kasten, darin zwei Steckdosen) und Wasser. WiFi. Sehr ruhig, nachts unbeleuchtet. Grund-Einkaufsmöglichkeiten im Dorf (Bäckerei, kleiner Supermarkt, Metzger, Post). Freitagmorgen Markt. Ideale Gegend für Velotouren auf kleinen, geteerten und praktisch verkehrsfreien Nebenstrassen.
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Ein Gedanke zu „Bericht 50, März/April 2009

  1. Liebe Charlotte,
    Lieber Christian,

    Bekamen Agnes und ich im August 2008 – auf einem Teilstück des Canal de Bourgogne zwischen Ancy-le-Franc bis Ravières – vom grossen Erlebnis einer Kanalfahrt auf der „Kinette“gerade mal einen allerersten Eindruck, vermittelten uns dann die 6 Tage auf dem Canal latéral à la Loire im Mai dieses Jahres einen Korb voller schöner und interessanter Erfahrungen.

    Als Treffpunkt hatten wir das Becken von Beaulon s/Loire vereinbart. Die „Kinette“ lag an diesem idyllischen Ort so ruhig da, als wäre sie ein Haus und gar kein Schiff. Zum Nachtessen durften wir Charlotte und Christian zu ihren holländischen Freunden auf deren daneben liegendem Schiff begleiten. Die Eigner hatten inzwischen als Domizil ebenfalls das Festland mit den Wasserstrassen Europas getauscht.

    Am Morgen des 6. Mai lichteten wir nicht etwa den Anker, sonderen lösten lediglich – wie das auf Kanälen üblich ist – die Seile, nein, natürlich die Taue. Falls uns diesbezüglich noch Fehler unterlaufen sollten, möge man uns das verzeihen! Steuerbord und Backbord sind uns inzwischen zwar zu Begriffen geworden, stellen aber gerade mal das erste Kapitel im Einmaleins der Schiffahrtssprache dar.

    Vor uns lagen bis zu unserem Ziel in Cours-les-Barres total 82,4 km Kanalfahrt mit 15 Schleusen. An jeder Schleuse rückten wir dem Meeresspiegel um durchschnittlich 2 – 3 Meter näher, was unser Gefühl, wir würden uns doch aufwärts bewegen, vollends durcheinander brachte. Unsere Fahrt, welche ungefähr der Distanz Zürich – Basel entsprach, lässt sich mit einer Auto- oder Bahnreise nicht vergleichen. Alles geschieht gemächlicher, ruhiger und man hat für alles, was das Auge interessiert, ganz einfach Zeit. Dennoch täuscht der Eindruck, man würde auf der Landkarte kaum vorankommen, da ausser dem Passieren der Schleusen kontinuierlich mit einem „Tempo“ von 6 – 8 km/h gefahren wird.

    Mit jedem Tag, an dem wir Charlotte und Christian bei der Verrichtung ihrer Tätigkeiten zuschauten, bekamen wir deutlicher zu spüren, dass hier zwei absolute Profis am Werk sind. Profis nicht nur in Bezug auf was sie tun, sondern mit welcher Exaktheit, Hingabe und Freude alles abläuft. Nach all den Jahren, während welcher die beiden nun zusammen auf der „Kinette“ unterwegs sind, ist die grosse Erfahrung zwar nicht übersehbar, aber ebenso deutlich spürt man einen ungebrochenen Enthusiasmus. Die Aufgabenteilung erfolgt auf natürliche Weise und verleiht dem Beobachter einen kompetenten Eindruck, sei es beim perfekten Manöverieren des Schiffes oder in der exzellenten Küche.

    Seit unserem Erlebnis als Gäste auf der „Kinette“ lauten unsere Reiseziele nicht mehr Nizza, Paris oder Malaga. Es gilt von nun an schlicht und einfach: „Der Weg ist das Ziel“. Links und rechts davon „lauern“ nämlich unzählige Sehenswürdigkeiten, welche der Guide Michelin mit den Worten „Mérite un détour“ treffend zum Ausdruck bringt.

    Wir danken dem Kapitän und dem ersten Offizier für das grosse Erlebnis auf der „Kinette“.

    Agnes und André
    CH-Regensberg

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