Bericht 66, Juni 2010

Meppel – Zwartsluis – Kampen – Ossenzijl – Blokzijl – Princenhof

(Zahlreiche Kanäle und Seen zwischen Ossenzijl und Kampen; 171.2 Kilometer; 6 Schleusen, 21 bewegliche Brücken)

Das Steenwijkerland und Umgebung als Fahrgebiet

Das Steenwijkerland und Umgebung als Fahrgebiet

Wir haben im letzten Bericht geschrieben, wir seien im Tempo eines Kursschiffes durch eines der schönsten Fahrgebiete Europas gedampft und wir seien deshalb noch einmal zurück nach Meppel gefahren, um von dort aus wieder nach Friesland zu fahren – dieses Mal aber im gemütlichen Tempo. Die Umsetzung unseres Vorsatzes erleichterten uns unsere Freunde Christina und Kuno Müller mit Tochter Lara, die in Meppel an Bord kamen. Mit ihnen zusammen fuhren wir zuerst ins lediglich anderthalb Fahrstunden entfernte Giethoorn.

Giethoorn

Giethoorn

Dieses Dorf mit seinen 2’500 Einwohnern wird in den einschlägigen Reiseführern als «Venedig des Nordens» bezeichnet. Das ist natürlich ziemlicher Unsinn, denn ein verträumtes Dörfchen mit strohgedeckten Häuser lässt sich nicht mit Dogenpalästen und dem Markusplatz vergleichen, auch wenn es von einem Labyrinth schmaler Kanäle durchzogen wird. Wenn schon, lässt Giethoorn eher an ein Berliner Spreewalddorf denken.

Unser Beiboot erfährt seine erste Belastungsprobe

Unser Beiboot erfährt seine erste Belastungsprobe

Es lohnt sich, die engen Kanälchen von Giethoorn entweder mit dem eigenen Beiboot oder dann mit einem gemieteten «Flüsterboot» – ein Boot mit Elektro-Aussenborder – zu erkunden. Das sollte man allerdings ausserhalb der Hochsaison tun, denn Juli und August geht Giethoorn unter einer Woge von Touristen völlig unter.

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Nordwestlich von Giethoorn liegen die Weerribben. Sie umfassen 3’000 Hektaren Sumpfgebiet und gehören zusammen mit dem etwas südlicher gelegenen Naturgebiet «De Wieden» (10’000 Hektaren) sowie den friesischen «Âlde Feanen» (alte Moore) zu den interessantesten Feuchtgebieten Europas.

In den Weerribben westlich der Kalenbergergracht

In den Weerribben westlich der Kalenbergergracht

Entstanden sind diese riesigen Sümpfe durch die Torfgewinnung, welche schon im 13. Jahrhundert begann. In «De Wieden» ging man damals ohne Rücksicht auf die Natur zu Werk, weshalb unter dem Einfluss von Wasser und Wind grosse Seen entstanden. In den Weerribben waren die Torfstecher behutsamer.

Unterwegs in den Weerribben

Unterwegs in den Weerribben

Stachen sie Torf, so legten sie ihn zum Trocknen auf eine sogenannte Rippe («rib»), einen Streifen Land, den man neben dem Wasser («weer») übrig liess. Jahrelang wurden Millionen Tonnen von Torf als Brennmaterial mit kleinen Plattbodenschiffen via Blokzijl über die damalige Zuiderzee in die grossen Städte transportiert. Später ersetzte Steinkohle den Torf als Brennmaterial, weshalb die Torfstecher auf das nicht minder lukrative Schneiden von Schilf für Strohdächer umsattelten.

Ein Schilfdach wird neu gedeckt

Ein Schilfdach wird neu gedeckt

Mietet man im Besucherzentrum der Weerribben ein Elektroboot, ein Kanu oder ein Kajak, so kann man einen ganzen Tag Natur pur erleben.

Klein Haubentaucher im Huckepack

Klein Haubentaucher im Huckepack

Das Wetter zeigt sich dank einem stabilen Hochdruckgebiet von seiner allerschönsten Seite und wir haben (beinahe) ein schlechtes Gewissen, wie wir auf der Wetterkarte sehen, wie es anderswo zu- und hergeht.

Abendrot in Ossenzijl

Abendrot in Ossenzijl

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Hier ist der Moment gekommen, da wir ein Geständnis ablegen müssen: Das Fahrgebiet nordöstlich des IJsselmeeres, also die Provinzen Drenthe, Overijssel, Friesland und Groningen, gefällt uns dermassen, dass wir, um den Tatsachen in schonungsloser Offenheit ins Auge zu blicken, seit Wochen nichts anderes machen, als hier ziellos herum zu lümmeln und das Leben auf dem Wasser zu geniessen. Und um das Mass voll zu machen, sind wir hier im Velofahrer- und Kanu-Paradies. Sollen wir heute mit dem Schiff weiter fahren, mieten wir ein Kanu oder machen wir eine ausgedehnte Velotour? Die Entscheidung fordert uns immer wieder. Aber das ist unser Problem und dieses Problem lassen wir uns nicht nehmen!

Am Aussensteg des Jachthafens in Zwartsluis

Am Aussensteg des Jachthafens in Zwartsluis

«Hei, hämmiirs schööön!» hat Susi, welche uns mit ihrem Mann eine Woche lang begleitete, mehrmals täglich ausgerufen, wenn wir wieder in ein neues Kanälchen einbogen oder mit schäumender Bugwelle einen der zahllosen Seen überquerten. Und wo Susi recht hat, hat sie recht.

Die Hebebrücke über die Gelderse IJssel in Kampen

Die Hebebrücke über die Gelderse IJssel in Kampen

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Von Ossenzijl aus sind wir wieder zurück nach Meppel gefahren und von dort aus noch südlicher nach Zwartsluis. Hier besuchen wir die 75jährige Jetty Voerman, die ihr ganzes Leben auf dem Wasser verbracht hat, auf ihrem Schiff. Christian interviewt sie für eine Artikelserie, die im Bulletin des Schweizerischen Schleusenschifferklubs veröffentlicht wird und aus der vielleicht irgendwann ein Buch wird. Dann geht es schliesslich sogar nach Kampen an der Gelderschen IJssel, die wir bereits vor anderthalb Monaten befuhren. Zurück auf Feld eins, sozusagen. Who cares?

Abendstimmung am Zwarte Water bei Zwartsluis

Abendstimmung am Zwarte Water bei Zwartsluis

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In Kampen liegen wir mit Erlaubnis der Gemeindebehörde am IJsselquai. Da ist etwas los auf der IJssel! Sehr viel Berufsfahrt von und nach dem IJsselmeer und wenig Freizeitschiffe. Wir lernen Sepp und Yvonne Walker kennen, die hier mit ihrer schmucken Linssen-Jacht im Hafen liegen. Wir werden sie in Blokzijl wieder treffen, wo sie uns zum Apéritiv einladen, was wir hier dankbar vermerken.

Vexierbild: Finde Kinette am IJsselquai in Kampen!

Vexierbild: Finde Kinette am IJsselquai in Kampen!

Architektonisch ist die ehemalige Hansestadt Kampen eine der schönsten Städte der Provinz Overijssel. Besonders sehenswert sind die erhalten gebliebenen drei Stadttore.

Im «Goot» Richtung Zwarte Meer

Im «Goot» Richtung Zwarte Meer

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Insgesamt bummeln wir rund drei Wochen in der Gegend von Steenwijk herum und verziehen uns erst Richtung Friesland, wie die Anzahl der Mietboote bedrohlich zunimmt. Vorher aber fahren wir noch das westlich des Giethoornschen Meers gelegene Blokzijl an.

Das Hafenbecken von Blokzijl

Das Hafenbecken von Blokzijl

Im Goldenen Zeitalter der Niederlande lag Blokzijl an der Zuiderzee. Damals blühte die Handelsschifffahrt und davon zeugen noch heute das grosse Hafenbecken im Rund der prächtigen Häuser.

Blokzijl beherbergt das Restaurant «Kaatje bij de Sluis» (Käthchen bei der Schleuse), das nicht nur wegen seiner hervorragenden Küche, sondern auch wegen seiner Geschichte einen Besuch wert ist. Das Restaurant hat seinen Namen von der legendären Wirtin Kaatje, welche von 1672 bis 1732 lebte. Ihre Mutter Brecht Jansdochter war eine Kaufmannswitwe aus Cattenburgh (Katzenburg) bei Amsterdam, woher damals viele andere Blokzijler stammten, weshalb sie noch heute den Übernamen «Katten» (Katzen) tragen.

Feierabend in Blokzijl

Feierabend in Blokzijl

Brecht Jansdochter eröffnete die Herberge «Zum goldenen Walfisch» und heiratete einen Kapitän der Grönländischen Compagnie, einer Walfängerflotte. Kaatje wurde geboren, als der Kapitän schon ein Jahr auf grosser Fahrt war – offenbar eine Variante der unbefleckten Empfängnis. Allerdings erfuhr der Kapitän nie von seinem Vaterglück, denn sein Schiff sank und er kam nicht mehr nach Hause. Nach dem Tod ihrer Mutter liess sich Kaatje 1707 in einem Haus bei der neu erbauten Schleuse nieder. Sie machte Geschäfte mit Kaufleuten der Vereinigten Ostindischen Compagnie, von welchen sie exotische Gewürze und Früchte kaufte. Ihre Küche wurde berühmt, aber sie hielt ihre Rezepte geheim. Kaatje heiratete nicht, sondern wartete immer auf die Rückkehr ihrer Jugendliebe, eines Steuermannes der Handelsflotte. Im Alter von 60 Jahren wurde die mittlerweile sehr wohlhabende Kaatje beraubt und ermordet. Der oder die Täter wurden nie gefasst, aber in der Folge tauchten in verschiedenen Zuiderzeestädten ihre Rezepte auf. Vierzehn Tage nach ihrem Tod kehrte ihr Geliebter zurück. Ob das heutige Feinschmeckerrestaurant «Kaatje bij de Sluis» noch immer nach Kaatjes Rezepten kocht, wissen wir nicht. Aber das Nachtessen war super!

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Gegen Ende Juni fahren wir wieder Richtung Leeuwarden. Unterwegs begegnen uns Ernst und Heidi Fritschi, wie wir Mitglieder des Schweizerischen Schleusenschifferklubs, mit ihrem friesischen Schiff «Sina». Über Funk sprechen wir ab, dass wir ein paar hundert Meter weiter anlegen und auf sie warten, während sie umdrehen und zu uns zurückfahren. Wir sitzen zusammen und spinnen ausgiebig Seemannsgarn, bis wir weiter fahren.

Seemannsgarn mit Ernst und Heidi Fritschi

Seemannsgarn mit Ernst und Heidi Fritschi

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Unser Ziel ist aber (noch) nicht Leeuwarden, sondern die bereits erwähnten «Âlde Feanen», ein Seen- und Moorgebiet mit einer fantastischen Flora und Fauna. Hier haben wir einen festen Liegeplatz gemietet, wohin wir uns in der Hochsaison zurückziehen werden und den wir jetzt, auf dem Weg nach Leeuwarden, rekognoszieren.

Natürlich liegt es uns fern, Ihren Neid zu wecken. Wirklich nicht. Ein Schalk, wer solches denkt. Jeder muss auf seine Façon glücklich werden. Die folgende Fotografie ist nur der Vollständigkeit halber hier. Es ist der Anblick, der sich uns zwei Monate lang bieten wird, wenn wir aus dem Schiff schauen. Um noch einmal Susi zu zitieren: «Hei, hämmiirs schööön!»

Unsere Aussicht von unserem Sommerliegeplatz aus

Unsere Aussicht von unserem Sommerliegeplatz aus

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Aus dem Logbuch

  • Giethoorn. Liegeplätze ohne Einrichtungen entlang dem Kanal Beulakerwijdede – Steenwijk sowie im Jachthafen Zuiderkluft (auch für grosse Schiffe). Kostenpflichtig, Strom und Wasser. Kleiner Supermarkt in Giethoorn
  • Ossenzijl. Kostenlose Liegeplätze ohne Einrichtungen am Ossenzijler Sloot sowie im Jachthafen des Besucherzentrums De Weerribben. Strom und Wasser. Kostenpflichtig. Kleiner Supermarkt.
  • Blokzijl. Von alten Häusern umgebenes Hafenbecken. Kostenpflichtige Liegeplätze mit Wasser und Strom.
  • Zwartsluis. Binnenhafen, Jachthafen De Kranerweerd und Jachthafen Zwarte Water. Alle Einrichtungen vorhanden. Kostenpflichtig. Alle Einkaufsmöglichkeiten. Markt und Abendverkauf am Freitag.
  • Kampen. Kostenlose Liegeplätze (nur mit ausdrücklicher Zustimmung Hafenmeister) am Quai. Für kleine Schiffe ungeeignet (Schwell!). Strom (reichlich!) und Wasser mit Münzeinwurf. Jachthäfen. Historische Hansestadt mit allen Einkaufsmöglichkeiten. Abendverkauf Freitag. Markt Montag 08.30–12.30. Sehenswürdigkeiten: Die alte Koggenwerft am Havenweg.
  • Echtenerbrug. Reichlich Liegeplätze auch für grosse Schiffe zwischen Hebebrücke und Tjeukemeer. Kostenpflichtig. Strom, Wasser, Duschen, WC, Wasserette. Kleiner Supermarkt im Ort. Schiffszubehör. Jachtvermietungen Turfskip und Merenpoort.
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2 Gedanken zu „Bericht 66, Juni 2010

  1. Liebe Charlotte und Christian Huber

    Jedes Jahr fahren Monika und ich auf den Kanälen als normale (immer noch) Touristen. Euer Traum den ihr auf der Kinette lebt, haben wir stets vor Augen und sind guter Hoffnung dies auch machen zu können. In diesem Sinne bis bald….

    Martin und Monika Dudle-Ammann

  2. Liebe Hubers,
    immer mit dem grössten Interesse verfolgen wir Ihre Wege… Wir kommen eben zurück von der Fahrt Wien-Frankfurt mit „Solveig VII“ – ein wunderbares Erlebnis! Viel Strömung, Hochwasser, Frachtverkehr – neue Erfahrungen. Wir beneiden Sie um die „Pensionszeit“, die dann hoffentlich bei uns auch irgendwann eintrifft… Herzliche Grüsse, Dieter und Sibyl Imboden-Eckert

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