Bericht 110, Mai 2015

In Berlin getroffen

Eigentlich hätte unsere Fahrsaison Ende April beginnen sollen. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Ein glücklicherweise glimpflich verlaufener medizinischer Zwischenfall – ausgerechnet am 3. Mai, als wir eigentlich «10 Jahre Kinette» feiern wollten – verhalf uns zu eigenen Erfahrungen mit Notarzt, Ambulanz und dem Auguste-Viktoria-Klinikum, bis wir mit drei Wochen Verspätung aus unserem Winterquartier Berlin-Tempelhof auslaufen konnten. In diesen drei Wochen trafen wir mehrere Schweizer Paare, von denen wir hier drei porträtieren wollen.

Eigentlich hatten wir «10 Jahre Kinette» feiern wollen (Arrangement von Jürg und Margrit Haupt)

Eigentlich hatten wir «10 Jahre Kinette» feiern wollen (Arrangement von Jürg und Margrit Haupt)

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Jean-Marc und Ursula Siegrist

Jean-Marc und Ursula Siegrist

Jean-Marc und Ursula Siegrist

Die Frage, die ich Jean-Marc und Ursula Siegrist an Bord ihrer Motoryacht «Sugus III», einer Vri-Jon Contessa 37, als erste stelle, gibt ihnen Stoff zum Diskutieren. Wo es ihnen denn am besten gefallen habe auf ihrer Reise durch Frankreich, Belgien, die Niederlande und Deutschland, will ich wissen. «Im Midi haben wir ausserordentlich hilfreiche Menschen getroffen und gute Freunde kennen gelernt» meint Ursula, worauf Jean-Marc einwirft: «Schön ist es eigentlich überall. Aber das Grevelinger Meer in den Niederlanden hat mir besonders gut gefallen!» «Das stimmt», ergänzt Ursula, «aber hier in Deutschland fühlen wir uns auch sehr wohl! Erstens kommen die Deutschen auf Neuankömmlinge freundlich zu und zweitens fasziniert mich der Wechsel zwischen völlig unberührter Landschaft und pulsierenden Städten!»

Das aus La Tour-de-Peilz stammende Ehepaar, seit anfangs 2014 Mitglieder des SSK, kommt eigentlich vom Segeln her. Jahrelang hatten der heute pensionierte Waadtländer Kripo-Beamte und seine Frau auf dem Genfersee eine Segelyacht. Jean-Marc macht noch heute zwischendurch Manöver-Törns mit dem Cruising Club Switzerland und wenn ihr «Quer-durch-Europa-Abenteuer» mit der «Sugus III» beendet ist, wollen sie wieder eine Segelyacht auf dem Genfersee kaufen.

Die «Sugus III» im Hafen von Berlin-Tempelhof

Die «Sugus III» im Hafen von Berlin-Tempelhof

«Warum fahrt Ihr auf Binnengewässern anstatt eine Weltumseglung zu machen?» wollte ich weiter wissen. Sie wollten schon immer eine grosse Reise machen, aber weil Ursula nicht seefest ist, war die Fahrt durch Europa der naheliegende Kompromiss. «Unser Leitmotiv war, Europa zu entdecken» erklärt Jean-Marc.

Sie hatten von Anfang an eine Vri-Jon gesucht und eine bestimmte Inneneinrichtung im Kopf. Deshalb fuhren sie seinerzeit auch eigens auf die Werft in den Niederlanden, wo sie erfuhren, dass exakt ein solcher Typ auf dem Genfersee zu verkaufen sei – zwei Kilometer von ihrem Wohnort entfernt. So kam es, dass sie 2007 – eigentlich deutlich früher als geplant – die «Sugus III» kauften und, nach Jean-Marcs Pensionierung, im Jahre 2011, auf dem Landweg nach Genay oberhalb von Lyon überführten. Von dort ging es auf der Rhône zu Tal und dann auf dem Canal du Midi bis vor Bordeaux. Von dort aus fuhren sie auf dem Canal latéral à la Garonne bis Castet-en-Dorthe. In Pont des Sables überwinterte das Boot, während Jean-Marc und Ursula in ihr Pied-à-terre in der Schweiz zurückkehrten.

Im folgenden Jahr ging es wieder die Rhône zu Berg, in den Canal du Centre, zum Canal latéral à la Loire, weiter nach Paris und schliesslich via den Canal du Rhône au Rhin in den Regioport Basel, wo «Sugus III» den nächsten Winter verbrachte.

Im nächsten Frühjahr waren die Niederlande das Ziel, wo sie zuerst in der Provinz Nordholland bis nach Den Helder hinauf fuhren, bevor sie Kurs Friesland nahmen. Den folgenden Winter verbrachte das Boot in der Kranenweerder-Werft in Zwartsluis.

2014 ging es auf das Grevelinger Meer in Zeeland, bevor sie Kurs Belgien nahmen, das sie kreuz und quer befuhren. Vom 72-Meter Schiffslift in Strépy-Thieu schwärmen sie noch heute. «Mit den Wallonen konnten wir es besonders gut!» meinen die Beiden übereinstimmend, was wohl auch sprachliche Gründe hat.

2015 ist Deutschland an der Reihe, von dem Beide angenehm überrascht sind. Von Berlin aus wollen sie nach Stettin, vielleicht noch hinauf zur Peene, bevor es wieder zurück in die Niederlande geht. Ziel ist Zwartsluis: «Unser Boot war in der Kranenweerder-Werft sehr gut aufgehoben!» sagen Jean-Marc und Ursula übereinstimmend, wie wir uns von diesem unternehmungslustigen Paar verabschieden.

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Jürg und Margrit Haupt

Jürg und Margrit Haupt

Jürg und Margrit Haupt

«Nein, die «Moule» ist nicht unser erstes Boot» sagen Jürg und Margrit Haupt lachend. Zuerst segelten sie auf dem Zürichsee, dann, nach Jürgs Pensionierung, kauften sie in Friesland einen 13.5 Meter Motorsegler, einen Zweimaster. Mit diesem Schiff wollten sie zuerst auf dem Meer, dann auf den Binnengewässern fahren. 2004 überführten sie das Schiff auf dem Wasserweg von Friesland nach Valence, wo sie es überwinterten. 2005 fuhren sie die Rhone zu Tal, riggten das Schiff im Port Napoléon auf und nahmen Kurs auf die Balearen und von dort nach Barcelona.

Nicht mittelmeertauglich

Nicht mittelmeertauglich

«Wir haben bald einmal festgestellt, dass das Schiff von seiner Bauweise her nicht für das Mittelmeer geeignet war» erklärt Jürg, «weshalb wir uns Ende 2005 zum Verkauf entschlossen. Von einem Deutschen kauften sie 2007 in Tunesien eine Sunbeam 42 mit Mittelcockpit. «Ein wunderbares Schiff!» schwärmt Margrit noch heute.

Die Sunbeam 42

Die Sunbeam 42

Mit der Sunbeam besegelten sie das ganze Mittelmeer, von Brindisi über Griechenland und die Türkei, Zypern und den Libanon durch den Suez-Kanal bis ins Rote Meer. Hier überwinterte das Schiff 2009/10. In der folgenden Saison segelten sie zurück in die Südtürkei. Weil ihnen das Segeln langsam zu beschwerlich wurde, schrieben sie die Sunbeam im Frühling 2011 schweren Herzens zum Verkauf aus. «Wir wollten mit dem Kauf einer Motoryacht warten, bis wir die Sunbeam verkauft hatten» erklärt Margrit Haupt, «aber zufällig stiess ich im Internet auf eine Privateer 1250 AK, Baujahr 2008, aus zweiter Hand, welche zu 90% unseren Vorstellungen entsprach. Wir mussten einfach zuschlagen!». Sie hatten Glück: Am selben Tag, als sie in Sneek die Privateer kauften, konnten sie auch die Sunbeam verkaufen.

«Das erste Jahr sind wir ganz bewusst in den Niederlanden gefahren, falls noch ein Mangel auftreten sollte» erzählt Jürg. «Im Winter 2011/12 liessen wir die wenigen Mängel auf der Werft in Uitwellingerga beheben und überwinterten das Schiff in Terherne.

Offensichtlich ehemalige Segler!

Offensichtlich ehemalige Segler!

Weil sie von der mecklenburgischen Seenplatte gehört hatten, fuhren sie 2012 über den Dollart, die Ems, den Mittellandkanal und den Elbe-Seitenkanal zuerst nach Lübeck. Dort fanden sie in der Nähe von Bad Schwartau ein Winterlager. Margrit Haupt schmunzelt: «Bad Schwartau ist ein Geheimtipp!»

2013 fuhren sie von Lübeck zur Elbe und auf dieser zu Berg bis Dömitz. Auf der Elde-Müritz-Wasserstrasse und dem Störkanal gelangten sie nach Schwerin, Dort und in Waren an der Müritz legten sie je einen längeren Aufenthalt ein. «Wir lieben es gemütlich und sind keine Kilometerfresser!» meint Jürg. Im Winter 2013/2014 lag das Boot in Beeskow – einem Ort, den sie nicht empfehlen würden.

2014 fuhren sie auf der Havel-Oder-Wasserstrasse und der Westoder nach Stettin und dann durch das Stettiner Haff, über Wollin und Dieverow auf die Ostsee hinaus und nach Swinemünde. Im Achterwasser nahmen sie Kurs auf Peenemünde. «Das grosse Highlight war die Peene» schwärmen Jürg und Margrit unisono, «hundert Kilometer Amazonas des Nordens, fast keine Schiffe, wunderbare Natur und schönste Hafenanlagen!»

Von Kröslin fuhren sie im Achterwasser wieder nach Stettin, wo sie am Stadtquai lagen. «Von Polen hört man wahre Schauergeschichten. Wie habt Ihr das Land erlebt?» will ich wissen. Jürg und Margrit winken ab: «Wir hatten nicht die geringsten Probleme in Polen. Wir erlebten es als sauber und die Anlegestellen waren gepflegt. Mit Englisch sind wir sehr gut durchgekommen.»

Und dann natürlich meine Standardfrage: «Wo hat es Euch denn am besten gefallen?» Die Antwort fällt den Beiden sichtlich schwer. «Das ist jetzt jetzt ganz schwierig, etwas als am schönsten zu bezeichnen! Lübeck ist wunderschön, die Peene ist wunderschön, die Seenplatte auch und der Törn in der Ostsee unvergesslich. Deutschland und Polen sind beides wunderschöne Fahrgebiete!»

«Und Eure Pläne für 2015?» will ich wissen. Sie werden via die mecklenburgische Seenplatte nach Lübeck fahren, einen Abstecher nach Hamburg machen, dann auf der Elbe wieder zu Berg, in den Elbe-Seitenkanal hinein und auf dem Mittellandkanal zur Weser. Nach einem Aufenthalt in Bremen soll es zum Küstenkanal und dem Dortmund-Ems-Kanal gehen. Auf dem neuen König-Willem-Alexander-Kanal werden sie die Niederlande ansteuern und das Schiff wieder in Uitwellingerga überwintern.

Die «Moule» läuft aus

Die «Moule» läuft aus

Und auch für 2016 hat das unternehmungslustige Paar bereits Pläne: «Die Mosel reizt uns und dann irgendwann nach Frankreich. Bordeaux ist doch ein Traumziel!»

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Jürg und Margrit Haupt, dies als Nachbemerkung, lagen während ihres Aufenthaltes im Päckchen längsseits von «Kinette». Beim erwähnten medizinischen Zwischenfall organisierte Margrit Haupt, ohne lange zu fackeln, die erste Hilfe und die Beiden erwiesen sich auch in der Folge als hilfreiche Nachbarn. Danke!

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Paul und Bernadette Hasler

Paul und Bernadette Hasler

Paul und Bernadette Hasler

Die «Île flottante» könnte auch «Bijou flottant» heissen und die Geschichte, wie Paul und Bernadette Hasler zu ihrem Boot kamen, passt dazu. Sie hatten die 1995 erbaute 11.9-Meter-Valkvlet erstmals in Dannemarie gesehen. «Mensch, haben Sie ein schönes Schiff!» hatte Bernadette dem damaligen Eigner, einem deutschen Garagisten, spontan gesagt und dieser, von Kniebeschwerden geplagt, hatte ebenso spontan erwidert: «Sie können es gleich haben!» Aber die «Île flottante» stand gar nicht zum Verkauf und die Bemerkung des deutschen Eigners war offenbar nur halbwegs ernst gemeint. Allerdings hatten sich die Haslers hoffnungslos in diese Valkvlet verliebt. Dazu hatten sie der makellose Zustand und die Ausstattung des Schiffs – Warmwasserheizung mit Radiatoren, Fischer Panda-Generator usw. – beeindruckt. Und so fuhren sie im darauffolgenden Winter zum Eigner und wurden handelseinig. Das war 2004.

Auf dem Wasser unterwegs waren die Beiden mit ihren zwei Töchtern schon vorher gewesen. Erstmals 1996 als Mieter mit Crown Blue Line-Booten in Frankreich und dann ab 2001 mit einer eigenen Scand 32, welche sie 2005 wieder verkauften. «Dieses Boot hat mich mit dem Virus infiziert!» erklärt Bernadette und Paul erzählt mit sichtlichem Stolz «Als gelernter Schreiner habe ich aus der Scand 32 ein Bijou gemacht, sodass wir sie praktisch zum gleichen Preis verkaufen konnten, zu dem wir sie gekauft hatten».

Paul Hasler, damals als Geschäftsführer der elterlichen Fensterfabrik noch voll berufstätig, machte zusammen mit Bernadette 2005 erstmals sechs Wochen Ferien mit der «Île flottante». Die Reise ging auf dem Rhein nach Duisburg und über den Mittellandkanal nach Berlin. In Brandenburg verbrachte das Boot den Winter.

Die Schiffsglocke der «Île flottante»

Die Schiffsglocke der «Île flottante»

2006 ging es bei mittlerem Hochwasser von Magdeburg auf der Elbe zu Berg bis Loschwitz in der Nähe von Dresden. «Die Elbauen waren überschwemmt, viele Steganlagen abgebaut und die Schifffahrts-zeichen schauten noch knapp aus dem Wasser!» erzählt Paul und Bernadette ergänzt enthusiastisch: «Diese Hochwasser-Fahrt auf der Elbe war fantastisch! Abenteuerlich! Toll!» In diesem Jahr entdeckten sie das Städtchen Merzig an der Saar. «Wir blieben dort liegen und bekamen bald einmal einen Liegeplatz in einem privaten Bootclub. Brauhaus und Thermalbad ganz in der Nähe und wenn man über die Brücke ging, war man mitten im Städtchen» schwärmen Paul und Bernadette. «Kulturell ist Merzig attraktiv und auch sonst war immer etwas los mit Drachenbootrennen und anderen Veranstaltungen!»

In Merzig gefiel es ihnen so gut, dass es wie ein zweiter Heimathafen wurde – sechs Jahre lang. Aus jener Zeit sind ihnen noch heute Freunde geblieben. In diesen sechs Jahren befuhren sie die Saar – deren Schleusen heute aus Spargründen von der Schliessung bedroht sind –, die Mosel und die Lahn sowie die «Sauerkrautroute» ins Elsass.

2012 verabschiedeten sie sich von Merzig, sie wollten in die Niederlande. Ihr Ziel war die Valkwerft im friesischen Franeker. Im Winter 2012/13 liessen sie die «Île flottante» gründlich überholen und Umbauten vornehmen wie mehr Stauraum und einen grösseren Kühlschrank, um sie zweckmässiger für Langfahrten zu machen. 2013 fuhren sie in Friesland und kehrten fürs Winterlager wieder nach Franeker in die Valkwerft zurück.

Die «Île flottante» beim Auslaufen

Die «Île flottante» beim Auslaufen

2014 führte sie ihre Reise über Groningen zur Ems und auf dem Dortmund-Ems-Kanal zum Mittelland-kanal bis Minden, auf der Weser bis vor Bremen und zurück nach Wolfsburg. Weiter ging die Fahrt nach Berlin und auf der Havel zu Berg zur mecklenburgischen Seenplatte. Mit einem Abstecher nach Templin kehrten sie nach Brandenburg zurück, wo die «Île flottante» wiederum überwinterte.

Dieses Jahr, also 2015, fuhren sie auf der Elbe zu Tal nach Parey und Tangermünde. Von Havelberg aus gings auf der Havel zu Berg den «Bundesgartenschau-Städten» entlang zurück nach Brandenburg. «Und was sind Eure weiteren Pläne für dieses Jahr?» will ich wissen. «Entweder gehts in den Spreewald oder dann zum Scharmützelsee nach Bad Saarow. Im August wollen wir das Stettiner Haff befahren, die Peene bis Anklam und dann nach Usedom bis Zinnowitz. Dort treffen wir Freunde aus unserer Zeit in Merzig» erzählen Paul und Bernadette. Den Winter wird das Boot wieder in Brandenburg verbringen. «Und nächstes Jahr nehmen wir Prag in Angriff!» verkündet Bernadette und Paul nickt zustimmend.

Könnte man schöner illustrieren, welche faszinierenden Möglichkeiten die europäischen Wasserwege bieten?

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Ein Gedanke zu „Bericht 110, Mai 2015

  1. Guten Abend Charlotte und Christian,

    Vielen Dank für den herzlichen Empfang in Berlin gestern. Wir waren gegen 12 Uhr wieder bei uns an Bord und müssten um 19 Uhr in Brandenburg ankommen, dann ist erst mal Feierabend. Unser nächster Trip wird wohl Minden-Hamburg-Fürstenwalde sein.

    Vielleicht seid Ihr ja dann noch in Tempelhof

    Grüße
    Vilta und Frank

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