Bericht 119, November 2015

Weener

Im letzten Bericht haben wir eine überraschende Entdeckung erwähnt, die wir in Weener gemacht haben.

Eine gepflegte Mahagoniyacht

Eine gepflegte Mahagoniyacht

Bei unserem ersten Rundgang durch den Alten Hafen sticht uns eine gepflegte Mahagoniyacht namens «Lilo» ins Auge. Der Schriftzug verrät, dass es sich um eine klassische «Swiss Craft» handelt, wie sie von den Bootbauern Faul in Horgen seit drei Generationen gebaut wird. Eine Faul-Yacht in Ostfriesland!

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Zufällig ist der Eigner dieses wunderschönen Oldtimers an Bord. Er zeigt uns stolz sein Schmuckstück und erzählt dessen Geschichte, die mit dem Original-Kaufvertrag von 1958 dokumentiert ist.

Die Original-Schiffsglocke der «Lilo»

Die Original-Schiffsglocke der «Lilo»

In Auftrag gegeben wurde die Yacht seinerzeit von einem Schweizer, Liebhaber oder Verehrer der Schau-spielerin Lilo Pulver – daher der Schiffsname. Die Yacht wurde an den Thunersee geliefert, wo sie jahrelang gefahren wurde, bis sie irgendwann auf verschlungenen Pfaden nach Ostfriesland gelangte. Hier wird sie von ihrem heutigen Eigner, von Beruf Schreiner, liebevoll gepflegt.

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Das Herz der Yacht ist ein wunderschöner Chrysler V8-Motor, Jahrgang 1958, dessen dumpfes Grollen in den Ohren jedes Freaks natürlich Musik ist. Man würde ja in einem ostfriesischen Hafen alles vermuten, nur nicht eine Faul-Yacht mit einer solchen Geschichte!

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Weener ist eine Kleinstadt an der Ems, im südwestlichen Ostfriesland an der Grenze zur niederländischen Provinz Groningen. Drei Landschaftsformen prägen die Gegend: Marsch (Polder), Moor und Geest (Sandrücken). Die Gegend ist völlig flach und weil auch die Baumbepflanzung fehlt, reicht der Blick bis zum Horizont. Gesprochen wird ostfriesisches Plattdeutsch und man begrüsst sich mit «Moin!». Man könnte das als «Morgen!» interpretieren. Aber dagegen spricht, dass man es von frühmorgens bis spätabends verwendet. In Sachsen-Anhalt, das ehemals zu Preussen gehörte, schmetterte man uns jeweils ein zackiges «Mahlzeit!» entgegen, wobei dieser Gruss zeitlich überhaupt nicht an irgendwelche Mahlzeiten gebunden war.

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Ostfriesen fühlen sich in erster Linie als Friesen und erst dann als Deutsche, so wie die niederländischen Friesen zuerst einmal Friesen sind und erst dann Niederländer. Kulinarisch ist die ostfriesische Küche sehr deftig. Insett Bohnen (Bohneneintopf mit Kartoffeln, Kasseler Koteletten und Bauchspeck), Labskaus (Pökelfleisch mit Kartoffeln, Zwiebeln, Randen, Gewürzgurken und Hering) und natürlich das ostfriesische Nationalgericht Grünkohl (Grünkohl, Hafergrütze, Zwiebeln, geräucherter Speck und Pinkelwurst – sie heisst wirklich so!) und als Dessert Puffert und Peer, die ostfriesische Antwort auf die bayrische Dampfnudel mit Vanillesauce und angedickten, warmen Birnen.

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Ostfriesland ist nicht nur dünn besiedelt, sondern auch strukturschwach. Das wird einem bei einem Rundgang durch das Städtchen Weener (6700 Einwohner) bald einmal bewusst. Dem Alten Hafen verleihen noch einige Traditionsschiffe die nötige Atmosphäre.

Der Alte Hafen Weener

Der Alte Hafen Weener

Ein wunderschönes Schiff im Alten Hafen Weener

Ein wunderschönes Schiff im Alten Hafen Weener

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Ein hübsches Kinderspielzeug (das zu verkaufen ist...)

Ein hübsches Kinderspielzeug (das zu verkaufen ist…)

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Im Städtchen selbst findet man gepflegte Häuserzeilen und, besonders erwähnenswert, das Organeum, ein Kultur- und Bildungszentrum mit einem Orgelmuseum. Ostfriesland gilt nämlich als eine der bedeutendsten Orgellandschaften weltweit.

Häuserzeile in Leer (Im Vordergrund das Organeum)

Häuserzeile in Leer (Im Vordergrund das Organeum)

Aber wie in vielen anderen strukturschwachen Gebieten Europas stösst man auch in Weener auf leerstehende Ladenlokale und Restaurants – durchwegs ein trauriger Anblick.

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Das muss nicht unbedingt so bleiben, denn wie oft werden eine Gegend oder ein Städtchen plötzlich «hip», vor allem, wenn die Immobilienpreise so attraktiv sind wie hier. Wer nämlich Ruhe und eine weite Landschaft sucht, der findet das in dieser Ecke Deutschlands.

Um gerecht zu sein: Auf unserer Fahrt mit dem Auto in die Schweiz machten wir im südholländischen Gorinchem Station, wo wir den Winter 2009/10 verbracht hatten. Bei einem Rundgang durch die Innenstadt fielen uns die leeren Ladenlokale auf. «Dat is de recessie», das sei die Rezession, wurde uns erklärt. Und das in den bis anhin prosperierenden Niederlanden!

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Der historische Hafen Leer

Der historische Hafen Leer

Sowohl als Städtchen wie auch als Hafen deutlich attraktiver als Weener ist das einige Kilometer nördlich liegende Leer, welches an den Flüssen Ems und Leda liegt. Die Altstadt mit ihren zahlreichen historischen Gebäuden ist ein echtes Schmuckkästchen.

Die «Ria» und die «Roti Zora» im Winterquartier in Leer

Die «Ria» und die «Roti Zora» im Winterquartier in Leer

Nicht umsonst verbringen hier mehrere Schweizer Paare den Winter auf ihrem Schiff.

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Unweit Weener liegt das Dörfchen Midlum, dessen freistehender Turm der evangelisch-reformierten Kirche mit einem Neigungswinkel von 6.74 Grad deutlich schiefer ist als der Schiefe Turm von Pisa, dessen Neigungswinkel «nur» 3.97 Grad beträgt. Allerdings ist der Midlumer Kirchturm gar kein richtiger Turm. Als solcher gilt ein Bauwerk dem Vernehmen nach nur, wenn die Höhe ein Mehrfaches seines Durchmessers beträgt, während der Midlumer «Turm» nur 14 Meter hoch ist, nicht viel mehr als sein Durchmesser.

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Als schiefster Turm der Welt ist deshalb im Guinness-Buch der Rekorde der Kirchturm des ebenfalls ostfriesischen Suurhusen eingetragen. Mit 5.19 Grad Neigungswinkel ist er allerdings nicht so schief wie der Midlumer «Turm». Das tröstet uns ungemein und wir können getrost auf einen Abstecher nach Suurhusen verzichten.

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Auch wenn sie keinen schiefen Turm aufzuweisen hat, ist die Ortschaft Ditzum einen Besuch wert. Ein Fischerdorf, wie man es sich vorstellt: Krabbenkutter im Hafen, eine Holzbootbauwerft, eine Fischbude mit frischen Nordseegarnelen und eine kleine Autofähre, welche Ditzum mit Borkum, Delfzijl und Emden verbindet.

Der Hafen Ditzum bei Niedrigwasser

Der Hafen Ditzum bei Niedrigwasser

Bei Niedrigwasser hat die Fähre gerade eben so Platz zum Wenden beim Auslaufen. Viel Wasser ist da nicht mehr unter dem Kiel!

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Wir beenden diesen Bericht mit dem Bild einer Hollywoodschaukel nach ostfriesischer Art. Wir haben diese umgewidmete Badewanne vor dem Haus der Eisenplastikerin Catharina Bockhacker in Ferstenborgum bei Weener gefunden.

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6 Gedanken zu „Bericht 119, November 2015

  1. Liebe Hubers,
    ich habe nur eine Frage: Warum gerade Weener? 😉

    Viele Grüße und besinnliche Festtage im Kreise der Familie wünscht Micha aus Doppel-D

  2. Chers Charlotte et Christian.
    C’est avec plaisir et intérêt que nous avons lu votre récit suite à notre rencontre de cet été à Berlin-Tempelhof. Merci pour les superbes photos et l’aimable article relatant nos 5 saisons de navigation en Europe.
    Nous vous souhaitons déjà d’excellentes fêtes de Noël, nos meilleurs vœux pour 2016 et de magnifiques navigations pour les années à venir.
    Ursula et Jean-Marc, La Tour-de-Peilz

  3. Liebe Charlotte, lieber Christian,

    Es sind nun schon fast 8 Jahre her, seit wir Euch in Roanne zum ersten Mal begegnet sind. Wir haben damals zu unserem Schritt „life on a ship“ viele wertvolle Informationen von Euch erhalten. Wir erinnern uns immer wieder gerne an diese Momente und an unseren Start in diese für uns völlig neue Welt. Bis heute haben wir diesen Entscheid nie bereut. Unser Freundeskreis hat sich dadurch vergrössert, was für uns eine grosse Bereicherung bedeutet.

    Wir hoffen, Euch während unseres Aufenthalts diesen Winter in der Schweiz irgendwo treffen zu können.

    Wir wünschen Euch schöne Festtage im Kreise Eurer Familie und ein glückliches Neues Jahr.

    Madeleine & Joseph
    WIETSKE Crew

  4. Bonjour

    Merci de vos souhaits pour la nouvelle année, je suis toujours très heureux d’avoir de vos nouvelles et j’espère que les problèmes de santé sont derrière vous et que vous avez repris votre dynamisme et votre gaieté, qualités que les ROANNAIS entre autre apprécient A voir la fierté de Kinette, je pense que je ne dois pas me tromper

    A mon tour avec Sophie, je vous souhaite de passer de bonnes Fêtes, attention aux excès et en souhaitant que 2016 vous permette de poursuivre vos voyages et de passer de bons moments en famille et avec vos amis. QUE Roanne soit dans vos projets de 2016 BONNE ET HEUREUSE ANNEE 2016

    Amitiés SOPHIE ET JEAN PIERRE

  5. Hi Christian,
    Certainly glad both yourself and Charlotte recovered so well. I
    think that is one of the benefits of not being overweight and being
    reasonably fit. Helps one to absorb the shocks life dishes out.
    We certainly have enjoyed the trip to the Midi and look forward to
    slowly exploring it in the coming year. Toulouse is a lovely place to moor
    but only has one mooring for barges our size so if you are interested you
    need to get on the waiting list early.
    Hope you guys have a much healthier, happy and prosperous New Year!
    If you need a side trip to explore the Midi you would always be most welcome
    aboard „the River“.

    Love, Roger & Louise

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