Bericht 150, Mai 2018

Rotterdam (Oostvoorne) – Heusden – Beek en Donk – Panheel – Maastricht – Amay – Beez

(Oostvoornsche Meer, Oude Maas, Dordtsche Kil, Hollandsch Diep, Amer, Bergse Maas, Maximakanaal, Zuidwillemsvaart, Julianakanaal, Albertkanaal, Maas; 312 Kilometer, 16 Schleusen, 5 bewegliche Brücken)

Im letzten Bericht haben wir bereits davon erzählt, dass wir das 20m-Schiff eines Mitglieds des Schleusenschifferklubs von Rotterdam nach Port-sur-Saône überführen werden. Das betreffende Klubmitglied hat das Schiff Ende letzten Jahres gekauft, ist noch erwerbstätig und erst im Begriff, seinen Schiffsführerausweis zu erwerben.

Sonnenaufgang in Oostvoorne

Sonnenaufgang in Oostvoorne

Die «Independent» liegt in Oostvoorne bei Rotterdam, wo uns Piet, der Voreigner, erwartet. Das Wetter ist so schlecht und vor allem so stürmisch, dass an ein Auslaufen vorerst nicht zu denken ist. Hinzu kommt, dass wir die Vorräte auffüllen müssen. In dieser Zeit weist Piet Christian in die Technik des Schiffs ein. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Wohnschiffe von Wohnmobilen ganz grundsätzlich. Alle Autos funktionieren einigermassen gleich, während jedes Wohnschiff, das auf einem alten Rumpf aufgebaut wurde, ein Einzelstück ist. Autos werden mit ausführlichen Handbüchern mitgeliefert, bei einem Wohnschiff sind im besten Fall Manuals für den Motor, den Generator, die Waschmaschine und Backofen etc. vorhanden.

Der Voreigner weist Christian in die Technik der «Independent» ein

Der Voreigner weist Christian in die Technik der «Independent» ein

In diesem Zusammenhang kommen wir nicht umhin, uns ganz unbescheiden selbst auf die Schultern zu klopfen: Wir haben für unseren Nachfolger auf der »Kinette» (die jetzt übrigens «Mrs Bliss» heisst) ein ausführliches digitales Handbuch erstellt, das ihm sehr zustatten kommen wird, und wir haben ihn während rund zehn Tagen auf der Fahrt von Weener (D) nach Meppel (NL) begleitet, instruiert und in die Schiffstechnik eingewiesen.

Kartenstudium vor Reisebeginn

Kartenstudium vor Reisebeginn

In der Handhabung selbst verhält sich die «Independent» nicht viel anders als die zweieinhalb Meter längere «Kinette». Insbesondere ist ihre Schraube ebenfalls linksdrehend, weshalb wir unsere Manövriergewohnheiten nicht ändern müssen.

Piet begleitet uns bis zur Schleuse Oostvoorne

Piet begleitet uns bis zur Schleuse Oostvoorne

Am Mittag des 3. Mai ist es dann soweit und wir laufen aus. Piet begleitet uns bis zur Schleuse Oostvoorne. Unterwegs fahren wir ein paar An-und Ablegemanöver Steuerbord und Backbord. Dabei erweist sich die Independent mit ihren 60 Tonnen als gutmütiges und leicht manövrierbares Schiff. Diese erste Tagesetappe ist nur kurz, 14 km, denn wir legen uns an den Aussensteg der Schleuse Oostvoorne, damit wir am nächsten Morgen um 06:20 Uhr bei Hochwasser zum Hollandsch Diep fahren können.

Am Aussensteg der Oostvoorner Schleuse

Am Aussensteg der Oostvoorner Schleuse

Bis zum Hollandsch Diep sind wir auf der am dichtesten befahrenen Wasserstrasse Europas. Hier zeigt sich übrigens der Mentalitätsunterschied zwischen Deutschland und den Niederlanden. Während in Deutschland für eine solche Strecke spezielle Ausweise und Patente inklusive der dazugehörenden Bürokratie erforderlich wären, genügt in den Niederlanden ein ganz normaler Schiffsführerausweis – und dennoch (oder vielleicht eben gerade deshalb) verläuft der ganze Schiffsverkehr in völlig geordneten Bahnen.

Morgenstimmung auf dem Hollandsch Diep

Morgenstimmung auf dem Hollandsch Diep

Die riesige Moerdijkbrücke über dem Hollandsch Diep

Die riesige Moerdijkbrücke über dem Hollandsch Diep

Wir fahren also mit der Strömung auf der Oude Maas über die Dordtse Kil auf das weitläufige Hollandsch Diep, das von der riesigen Moerdijkbrücke überspannt wird. Dann geht es auf der Amer und der Bergse Maas nach Heusden. In diesem mittelalterlichen Festungsstädtchen liegt ganz versteckt ein befestigter Stadthafen. Die Einfahrt ist reichlich schmal und verläuft in einem leichten Bogen. Das kleine Hafenbecken selbst ist von den hohen Stadtmauern umgeben. Exakt an der gleichen Stelle lagen wir mit «Kinette» im Juni 2005 und fanden das Liegegeld von 20 Euro schon damals sehr stolz angesichts der Tatsache, dass weder Strom noch Wasser zur Verfügung stehen. Seither ist das Liegegeld noch stolzer geworden: Wir bezahlen für eine Nacht sage und schreibe 32 Euro. Vor den Toren der Stadt liegt ein Yachthafen mit Passantensteg, wobei wir über die Preisgestaltung nicht Bescheid wissen.

Der Stadthafen Heusden an der Bergse Maas

Der Stadthafen Heusden an der Bergse Maas

«Kinette» im Juni 2005 an der gleichen Stelle

«Kinette» im Juni 2005 an der gleichen Stelle

Dennoch lohnt sich ein Aufenthalt in Heusden. Wegen des sommerlichen Frühlingswetters sind alle Strassencafés dicht besetzt und bis in den späten Abend hinein herrscht munteres Treiben.

Am nächsten Tag fahren wir bei unvermindert strahlendem Wetter Richtung `s Hertogenbosch. Früher fuhr die gesamte Berufs-und Freizeitschifffahrt auf der Dieze durch die Stadt und dann auf die Zuidwillemsvaart Richtung Maasbracht. In der Stadt selbst befindet sich die riesige Schleuse 0 und zahlreiche Hebebrücken, was regelmässig zu einem völligen Zusammenbruch des Strassenverkehrs führte. Vor wenigen Jahren wurde deshalb zur Umfahrung der Stadt der Maxima-Kanal gegraben. Seither ist die Fahrt durch `s Hertogenbosch für den Berufsverkehr gesperrt und für die Freizeitschifffahrt noch möglich, aber nur am Montag, Mittwoch und Freitag und jeweils nur einmal pro Tag um 11:00 Uhr.

Wir biegen deshalb von der Bergse Maas in den Maxima-Kanal ein und gelangen so erst bei Den Dungen auf die Zuidwillemsvaart. Weil die Schleusen und Brücken wegen eines nationalen Feiertages nur bis 16:00 Uhr bedient werden, ist unsere Fahrt in Beek en Donk zu Ende. Wir übernachten vor der dortigen Hebebrücke, die am folgenden Tag um 09.00 Uhr bedient sein wird. Übrigens findet man auf der Zuidwillemsvaart ober- und unterhalb fast jeder Schleuse sehr gute Übernachtungsplätze.

Beek en Donk an der Zuidwillemsvaart

Beek en Donk an der Zuidwillemsvaart

Beim Schleusen auf der Zuidwillemsvaart



Beim Schleusen auf der Zuidwillemsvaart

Biegt man auf der Zuidwillemsvaart bei Nederweert hart über Backbord ab, so fährt man durch flämisches Gebiet nach Maastricht. Dafür müsste man eine Vignette für 60 Euro kaufen. Fährt man geradeaus auf dem Kanal Wessem-Nederweert zum limburgischen Maasbracht, so spart man sich erstens die Vignette und findet zweitens bei Panheel in den dortigen Seen idyllische Liegeplätze. Natürlich sind an diesem prächtigen Sonntag alle Liegeplätze von Tages-Ausflüglern belegt. Wir erspähen einen halben Liegeplatz, der für das Vorderteil des Schiffes reicht. Am Abend dann sind wir völlig allein.

… und am Abend sind wir ganz allein

… und am Abend sind wir ganz allein

Von Panheel aus fahren wir wieder auf die Maas hinaus, an Maasbracht vorbei Richtung Maastricht. In Maastricht selbst gibt es Yachthäfen, Liegeplätze an einer Brückenkade sowie `t Bassin, den historischen Stadthafen. Man erreicht ihn durch eine kleine Schleuse von der Maas aus. Dabei muss man eine Durchfahrtshöhe von 3.30 m beachten.

Güterumschlag in Maasbracht vom Lastwagen aufs Schiff

Güterumschlag in Maasbracht vom Lastwagen aufs Schiff

't Bassin in Maastricht

‚t Bassin in Maastricht

Die Keller der alten Lagerhäuser rund um den Hafen beherbergen mehrere Restaurants. Bei schönem Wetter sitzt man draussen unter Sonnenschirmen. Sehenswert ist ein zu einem modernen Kinokomplex umgebautes altes Elektrizitätswerk.

`t Bassin ist zwar teuer, wenn auch nicht so unverschämt teuer wie Heusden, verfügt aber über Wasser- und Stromanschlüsse sowie Duschen und Toiletten. Weil Maastricht auch als Stadt sehenswert ist und wir uns im Bunkerboot an der Maas mit etwas Schiffszubehör eindecken müssen, hängen wir noch einen Hafentag an.

Wenige Kilometer nach Maastricht kommt man zur Schleuse Lanaye, die sich bereits auf belgischen Gebiet befindet. Für jedes Schiff, das die Grenze nach Wallonien überquert, wird eine «Fiche de Référence» ausgestellt und es wird ihm vom Ministère Wallon de l’Équipement et des Transports (M.E.T.) eine sogenannte M.E.T.-Nummer zugeteilt, die unterwegs von den Schleusenwärtern und bei späteren Besuchen in Wallonien abgefragt wird. Bis vor wenigen Jahren kostete dieses Papier 1.06 Euro (!), man musste bei jeder Schleuse in den Kontrollturm hinaufklettern und das Dokument abstempeln lassen. Wenigstens dieser Teil des alten Zopfs ist abgeschnitten worden.

Die Schleusen auf der Maas sind riesig, jeweils drei Grossschleusen nebeneinander, und man wird über Funk angewiesen, welche man zu benützen hat. Die ersten Schleusen passieren wir ohne grössere Wartezeiten. Erst vor der Schleuse von Yvoz-Ramet müssen wir eine Weile warten und wie wir das Schiff an den Wartequai legen wollen, reagiert plötzlich die Bugschraube nicht mehr. Dazu kommt Seitenwind auf und beim Abbremsen des Schiffs mit dem Rückwärtsgang macht es wegen des Radlaufeffekts eine mehr oder minder elegante Pirouette rückwärts. Christian bringt das Schiff aber wieder unter Kontrolle und kurz darauf können wir in die Schleuse einfahren – sehr langsam und sehr vorsichtig, denn eine erneute Pirouette beim Abbremsen können wir uns hier nicht leisten.

Von unseren früheren Belgien-Reisen her kennen wir die Werft Sambre et Meuse in Beez vor Namur, die in Binnenschifferkreisen einen sehr guten Ruf geniesst. Wir rufen die Werft an und erhalten eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht: Wir können zur Reparatur dort vorbeikommen. Die schlechte Nachricht: Erst am nächsten Montag – und wir schreiben Mittwoch. Wegen Auffahrt wird das Wochenende verlängert.

Kurz nach diesem Anruf sehen wir am linken Ufer einen etwa 50 Meter langen Quai, an welchem bereits eine holländische Luxemotor angelegt hat, aber so, dass wir ebenfalls noch Platz haben. Das holländische Ehepaar nimmt uns die Taue ab und hilft uns beim Anlegen.

Mit der «Zwaluw» am Quai vom Amay



Mit der «Zwaluw» am Quai vom Amay

Dass die Schifferwelt klein ist, ist eine Binsenweisheit. Dass aber Theo und Miep mit ihrem 25m-Schiff «Zwaluw» (Schwalbe) im Hafen von Roanne einen Winter lang direkt vor uns lagen, ist dann doch ein riesengrosser Zufall.

Eine Inspektion im Vorpiek (Bugschott) ergibt, dass der Tunnel, in welchem sich die Bugschraube befindet, aus unbekannten Gründen leckt und das hereindringende Wasser möglicherweise einen Kurzschluss verursacht hat.

Wasser dringt ins Vorpiek ein

Wasser dringt ins Vorpiek ein

Mit der Tauchpumpe befördern wir etwa 100 Liter Wasser aus dem Vorpiek. Theo bringt einen Zweikomponenten-Stahlkitt und wir können die Leckstellen notdürftig abdichten.

Unsere holländischen Freunde bleiben mit uns an diesem Quai, bis wir am Montagmorgen, nachdem sich der Nebel gelichtet hat, gemeinsam die Fahrt fortsetzen. Wenn es nötig werde, meint Theo, könne er der «Independent» bei einem Schleusenmanöver mit einem Schubser helfen. Es wird, das sei vorweggenommen, nicht nötig.

Mit der «Zwaluw» unterwegs zur Werft in Beez



Mit der «Zwaluw» unterwegs zur Werft in Beez

Auf der Fahrt nach Beez passieren wir zusammen mit mehreren Frachtschiffen die Grossschleusen von Ampsin-Neuville und Andenne-Seilles. Wir haben den Eindruck, im Vergleich zu früheren Jahren habe der Frachtschiff-Verkehr auf der Maas sehr zugenommen. Wenn wir mit eingeschränkter Manövrierfähigkeit zusammen mit Frachtschiffen  schleusen, so geht das – wenn man es ruhig angeht – problemlos auch ohne Bugschraube. Auch im „Normalbetrieb“ brauchen wir die Bugschraube nur sehr selten.

Gemeinsam mit Frachtschiffen in der Grossschleuse von Ampsin-Neuville

Gemeinsam mit Frachtschiffen in der Grossschleuse von Ampsin-Neuville

Am frühen Montagnachmittag legen wir neben anderen Schiffen, die bei der Werft vertäut sind, an und verabschieden uns über Funk von Theo und Miep.

Mit der «Zwaluw» auf der Maas Richtung Beez

Mit der «Zwaluw» auf der Maas Richtung Beez

Vom für uns zuständigen Werftchef erfahren wir, dass wir (erst) am Donnerstag auf die Helling können. Die Verzögerung ist durch einen ganz besonderen Feiertag bedingt: Am Mittwoch ist in Belgien Generalstreik. Es geht ums Rentenalter und die belgischen Gewerkschaften sind – wie die schweizerischen – fest überzeugt, dass man mit einem Streik die Gesetze der Demographie ausser Kraft setzen kann.

Vor der Werft Meuse et Sambre in Beez

Vor der Werft Meuse et Sambre in Beez

Unseren nächsten Bericht werden wir dem hoffentlich erfolgreichen Werftaufenthalt und unserer Weiterfahrt nach Frankreich widmen – wenn es denn dazu kommt.

Aus dem Logbuch

  • Oostvoorne. Yachthafen Geijsman am Brielsche Meer bei Rotterdam. Kostenpflichtig. Strom und Wasser. Kostenpflichtig. Gutes Restaurant am Hafen. Shop mit Bootszubehör. Einkaufsmöglichkeiten in Oostvoorne.
  • Heusden. Yachthafen (Strom und Wasser, Toiletten, Duschen, Waschmaschine) und Stadthafen (keine Einrichtungen). Sehr teuer. In Heusden sehr gute Restaurants. In Oud Heusden in Fahrraddistanz Supermarkt.
  • Beek en Donk. Wir haben im Bereich der dortigen Schleuse übernachtet. Keine Einrichtungen. Gratis. Einkaufsmöglichkeiten.
  • Panheel. Ehemalige Baggerseen in Naturschutzgebiet. Gute Liegemöglichkeiten im 2e Panheelsche Plas. Solide Stege ohne Zugang zum Ufer, Liegemöglichkeiten am Ufer. Keine Einrichtungen. Gratis.
  • Maastricht. Der durch eine kleine Schleuse erreichbare Hafen ‚t Bassin bietet alle Einrichtungen. Kostenpflichtig. Restaurants direkt am Hafen. Schiffszubehör im Bunkerboot Nautica Jansen. Maastricht hat alle Einkaufsmöglichkeiten und zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Weitere Liegemöglichkeiten in Yachthäfen. Eine nicht so zentrale Liegemöglichkeit ist an der Brückenkade. Keine Einrichtungen, dafür gratis.
  • Amay. 50 Meter langer Quai am linken Maasufer. Keine Einrichtungen. Gratis. Einkaufsmöglichkeiten (auch Bricomarché) in der Nähe.
  • Beez. Schiffswerft Sambre et Meuse. Nur für grössere Schiffe, keine Hellingmöglichkeit für Yachten. Die Werft zählt auch französische Schiffer zu ihren Kunden, weil zuverlässig und günstig gearbeitet wird.
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