Bericht 30, Juni 2007

Auxerre – Paris

(Yonne, Seine: 222.5 Kilometer, 43 Schleusen)

Auxerre–Paris

Auxerre–Paris

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Mit der Weinprobe ist zweifellos der Höhepunkt unseres Aufenthaltes in Auxerre erreicht, weshalb wir fünf Tage nach unserer Ankunft die Leinen loswerfen und flussabwärts weiterfahren. In Auxerre haben wir ja den Canal du Nivernais verlassen und fahren nun auf der Yonne, die später in die Seine münden wird. Unser erster Zwischenhalt ist Gurgy. Berichtenswert von Gurgy ist lediglich, dass dies der Halte de plaisance mit dem teuersten Strom in ganz Frankreich ist. Will man Strom beziehen, so muss man pro Stunde einen Jeton einwerfen, den man im nahe gelegenen Restaurant erwerben kann. Ein Jeton kostet € 3.00. Das heisst, für 24 Stunden Strom bezahlt man € 72. Für einen 3-Euro-Jeton gibt’s wahlweise auch 100 Liter Wasser. Ein Kubikmeter Wasser kostet demzufolge € 30. Das sind schon bald Mineralwasserpreise!

Zum Vergleich: Ein Tag im Port Arsénal, mitten in Paris, mit Strom, Wasser, Duschen etc. kostet für ein Schiff über 20 m exakt € 58. Die Gurgyaner sollten sich unverzüglich ins Guinness Book der Rekorde eintragen lassen! Konsequenz ist natürlich, dass man seinen Strom mit dem Diesel-Generator erzeugt. Nicht so umweltfreundlich, aber sehr viel billiger.

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Wenden wir uns Erfreulicherem zu, nämlich unserer Weiterfahrt yonneabwärts. Wegen der ergiebigen Regenfälle zieht die Yonne ziemlich kräftig, weshalb wir in den Canal de Bourgogne hineinfahren und unmittelbar oberhalb der ersten Schleuse im Hafenbecken von Migennes festmachen.

Zeit für Velotouren

Zeit für Velotouren

Vater und Tochter unternehmen von hier aus lange Velotouren ins verkehrsarme Hinterland. Fährt man tagelang auf dem Wasser, so meldet sich jeweils unerbittlich der Bewegungsdrang. Und seit wir in Roanne solide Tourenbikes gekauft haben, brauchen wir die Klappvelos nur noch zum Einkaufen.

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Da Migennes selbst wenig zu bieten hat, verlassen wir den Canal de Bourgogne wieder, kehren auf die Yonne zurück und fahren bis Villeneuve-sur-Yonne. Es ist Markttag und das Dorforiginal versichert uns, hier gebe es mit Abstand die besten Kirschen von ganz Frankreich.

Das Dorforiginal von Villeneuve-sur-Yonne

Das Dorforiginal von Villeneuve-sur-Yonne

Ganz sicher aber ist Villeneuve ein sehr hübscher Ort mit zwei erhalten gebliebenen mittelalterlichen Stadttoren.

Stadttor in Villeneuve-sur-Yonne

Stadttor in Villeneuve-sur-Yonne

Uns aber zieht es nach Sens mit seiner berühmten Kathedrale und der Markthalle aus der Belle époque.

Am Quai von Sens

Am Quai von Sens

Sens war, was nur wenig bekannt ist, das Zentrum der Christenheit, als Papst Alexander III. in den Jahren 1163/64 in der Stadt weilte. Siebzig Jahre später liess sich hier König Ludwig der Heilige mit Margarete von Provence trauen.

In der Kathedrale von Sens

In der Kathedrale von Sens

Der Kirchenschatz von Sens gehört, so erfahren wir aus dem Reiseführer, zu den kostbarsten Sammlungen dieser Art in Frankreich. Weitaus prunkvoller sind allerdings die Schätze, welche die Fürsterzbischöfe in Lüttich und Maastricht zusammengerafft haben. Aber das hier aufbewahrte, bald tausend Jahre alte Messgewand des heiligen Thomas von Beckett beeindruckt uns mehr als die Goldschätze in den Maasstädten.

Beschlag am Portal der Kathedrale von Sens

Beschlag am Portal der Kathedrale von Sens

Gegenüber der Kathedrale steht die Markthalle, eine Metallkonstruktion mit Backsteinfüllungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

In der Markthalle von Sens

In der Markthalle von Sens

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Hier verlässt uns unsere Tochter, deren Ferien zu Ende sind. Dafür stossen Martin und Dora zu uns, die auch einmal die Luft der Flussschifffahrt schnuppern wollen. Dazu werden sie ausgiebig Gelegenheit haben!

Vor uns liegen die mehr berüchtigten als berühmten Schrägwandschleusen der Yonne. Irgendein findiger Ingenieur muss einmal herausgefunden haben, dass schräge Wände weniger einsturzgefährdet sind als senkrechte. Das stimmt zweifelsohne, aber der gute Schleusenkonstrukteur hat sich offensichtlich wenig Gedanken darüber gemacht, wie man das Schiff beim Schleusen vertäut.

Schrägwandschleuse der Yonne

Schrägwandschleuse der Yonne

In der einschlägigen Literatur gibt es eindrückliche Bilder von Schiffen, die beim Herunterschleusen auf einer dieser Schrägwände aufgesessen sind. Also halten wir respektvollen Abstand von den Schleusenwänden und rechnen damit, dass uns das ablaufende Wasser gegen die Mitte der Schleusenkammer zieht. Das klappt recht gut und wir sind um eine Erfahrung reicher. Bei Montéreau mündet die Yonne in die Seine und von hier an sind die Schleusen zwar gross, aber problemlos.

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In Saint-Mammès biegen wir von der Seine für einen kurzen Abstecher in die Loing ab. Männiglich hat uns vom hübschen Dörfchen Moret-sur-Loing vorgeschwärmt und siehe da, alles, alles stimmt.

Moret-sur-Loing

Moret-sur-Loing

Moret-sur-Loing

Moret-sur-Loing

Hätten wir nicht das Ziel vor Augen, am 27. Juni in Paris einzulaufen, wären wir hier wohl noch länger geblieben. So aber geht es zurück auf die Seine und in zwei Tagen erreichen wir Paris.

Einlaufen in Paris

Einlaufen in Paris

Wir haben im Port de Paris-Arsénal für zwei Tage einen Platz reserviert. Dieser Hafen liegt unmittelbar nach der ersten Schleuse des Canal St-Martin, direkt oberhalb der Kathedrale Notre-Dame.

Die Kathedrale Notre-Dame als Wegpunkt

Die Kathedrale Notre-Dame als Wegpunkt

Trotz des dichten Schiffsverkehrs auf der Seine mit Lastschiffen, Passagierschiffen, Bateaux Mouches und Privatyachten wickelt sich alles sehr entspannt ab. Da die Schleuse noch nicht bereit ist, müssen wir stromaufwärts mitten in der Seine warten, «quelques petites minutes», wie uns der Schleusenwärter gefunkt hat. Der Kapitän einer mit mehreren hundert Tonnen Sand beladenen Péniche fragt uns über Funk freundlich, ob es uns etwas ausmache, wenn er an Steuerbord an uns vorbeilaufe. Ach, wenn es auf den Strassen nur auch so relaxed ablaufen würde!

Warten vor der Einfahrt in den Port de Paris-Arsénal

Warten vor der Einfahrt in den Port de Paris-Arsénal

Dann endlich, nach einer halben Stunde, öffnen sich die Schleusentore und wir können in den Hafen einlaufen. Die Aussicht ist eindrücklich. Wir liegen direkt vor der Place de la Bastille und der neuen Oper.

Vor uns die Place de la Bastille und die Oper

Vor uns die Place de la Bastille und die Oper

Nach einem Ruhetag geht es weiter. Wir fahren auf dem Canal Saint-Martin ins 19. Arrondissement hinein, ins Bassin de la Villette, wo das jährliche Treffen der Dutch Barge Association stattfindet. Auf dieser Fahrt wird uns alles geboten: Zuerst fahren wir durch einen Tunnel von über zwei Kilometer Länge unter der Place de la Bastille durch, dann folgen Drehbrücken, drei Doppelschleusen und die Zeltlager der Clochards, die wochenlang auf allen französischen Fernsehkanälen zu sehen waren. Der Kanal ist unglaublich dreckig, ganz offensichtlich ist er der Abfallkübel der Clochards.

Drehbrücke über den Canal Saint-Martin

Drehbrücke über den Canal Saint-Martin

Schleuse und Zeltlager am Canal Saint-Martin

Schleuse und Zeltlager am Canal Saint-Martin

Es sind zwar nur 5.6 km vom Arsénal in die Villette, aber wegen der 6 Schleusen schafft man es doch nicht unter zweieinhalb Stunden. Dann endlich haben wir unser Ziel erreicht. Ein wunderschöner Anblick erwartet uns: Sechzig flaggengeschmückte Schiffe zwischen 15 und 38 Metern Länge, eines schöner als das andere.

Das DBA-Treffen im Bassin de la Villette

Das DBA-Treffen im Bassin de la Villette

Dass uns hier unsere Pfäffiker Freunde Ursula und Hans besuchen, die zufällig ein paar Tage in Paris sind, ist natürlich das Tüpfelchen auf dem i.

Besuch aus Pfäffikon

Besuch aus Pfäffikon

Hier liegen wir fünf Tage und geniessen das grosse Wiedersehen. Viele der Bargees, die hier sind, waren schon 2005 in Namur (Belgien) und 2006 in Gorinchem (Niederlande) dabei. Einige haben den Winter mit uns in Roanne verbracht und sind, wie wir, noch rechtzeitig vor dem Dammbruch aus Roanne weggefahren. Ein fröhliches Wiedersehen gibt es natürlich mit Nell und Frits aus Meerkerk, bei denen wir den Winter 2005/06 verbringen durften.

Wiedersehen mit unseren holländischen Freunden Nell und Frits

Wiedersehen mit unseren holländischen Freunden Nell und Frits

Die Tage sind ausgefüllt mit gegenseitigen Bordbesuchen und dem Austausch von Erfahrungen. Wir haben eigentlich viel zu wenig Zeit, um Paris zu erkunden.

Dass das Wetter eher garstig ist, macht uns, offen gestanden, nicht unglücklich. Eine Grossstadt in der Sommerhitze kann bald einmal zum Glutofen werden. Das bleibt uns glücklicherweise erspart.

Pariser Sommer

Pariser Sommer

In Paris verlassen uns Dora und Martin nach einer erlebnisreichen Schifffahrtswoche, die alles geboten hat: Flüsse, ländliche Idylle, Grossschleusen, auf einem kleinen, verträumten Kanal mitten durch Paris und am Schluss 60 klassische Schiffe in einem grossen Hafen.

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Am Tag vor unserer geplanten Abreise aus dem Bassin de la Villette begleiten wir Marina, die auf ihrer «Vandoor», einem 24-Meter-Schiff für ein paar Tage ohne Crew ist, zusammen mit Nell und Frits durch den Canal Saint-Denis und dann seineaufwärts zum Port de Grenelle, unmittelbar beim Eiffelturm. Das Wetter schwankt zwischen Regenschauern und Sturmböen. Der Kanal ist noch dreckiger als der Canal Saint-Martin,auch wenn wir eine Steigerung kaum für möglich gehalten hätten. Da schwimmt wirklich alles, was nicht hineingehört. Wir haben ein etwas mulmiges Gefühl!

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Aber nach einer langen Fahrt mit ebenso langen Wartezeiten vor den Schleusen erreichen wir endlich die Seine. Vor uns erscheinen Eiffelturm und Freiheitsstatue, wir können also nicht mehr fern vom Port de Grenelle sein.

Eiffelturm und Freiheitsstatue

Eiffelturm und Freiheitsstatue

Dort erwartet uns eine unerfreuliche Überraschung. Trotz Reservation und Bestätigung erklärt der Hafenmeister ungerührt, er habe keinen Platz mehr, es sei alles vergeben. So bleibt nichts anderes übrig, als weiter seineaufwärts in den Port de Paris-Arsénal zu fahren. Nach insgesamt zehn Stunden Fahrt laufen wir dort ein. It’s a hard day’s night!

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Wir haben seinerzeit im holländischen Winter, hin und wieder ein Käsefondue gemacht, als Therapeutikum gegen Heimweh sozusagen. Nell und Frits, nachdem wir sie einmal dazu eingeladen hatten, waren restlos begeistert und von Stund an Fondue-Fans. Wie wir unseren Freunden nach diesem strengen, ermüdenden und kühl-regnerischen Tag ein Fondue vorsetzen, ist der Tag definitiv gerettet. Wie sagt doch die Werbung? Fondue isch guet und git e gueti Luune – Figugegl!

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