Bericht 31, Juli 2007

Paris – Le Havre*

(Canal St-Denis, Seine, Oise, Seine; 137 Kilometer, 11 Schleusen)

Paris–Le Havre

Paris–Le Havre

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* Wir schicken voraus, dass wir zwar seineabwärts gefahren sind, aber nicht bis nach Le Havre. Effektiv fuhren wir «nur» bis Vernon, aber das kennt man weniger und Le Havre klingt einfach irgendwie nautischer. Aber beginnen wir mit unserer Wegfahrt aus Paris.

Der Canal St-Denis, der mitten durch Paris führt, ist, das hatten wir auf der Fahrt mit der «Vandoor» erlebt, etwas vom Dreckigsten, was Frankreich zu bieten hat. Leere Flaschen, Kissen, alte Schlafsäcke, Plastiksäcke – kurz alles, wofür ein französischer Fürsorgeempfänger keine Verwendung mehr hat – landet im Kanal. Die schmuck uniformierten Schleusenwärter der «Canaux de Paris» betrachten es als deutlich unter ihrer Würde, wenigstens ihre Schleusen sauber zu halten. Wahrscheinlich steht das auch nicht im Pflichtenheft, das sie in unzähligen Streiktagen mit Hilfe der allmächtigen Gewerkschaften, welche Frankreichs Volkswirtschaft fest im Würgegriff haben, erkämpft haben. Angeblich werden die Kanäle aber alljährlich einmal vom Unrat befreit. Der Bericht über eine solche Kanalreinigung zählt liebevoll die Fundstücke in einem relativ kurzen Kanalabschnitt auf: Eine Badewanne, vier Nähmaschinen, zahlreiche Velos, eine Maschinenpistole, mehrere Pistolen und Revolver sowie die Überreste einer Kuh, komplett mit Hörnern und Schwanz.

Schleuse im Canal St-Denis. Unter der Wasseroberfläche ist es noch viel schlimmer!

Schleuse im Canal St-Denis. Unter der Wasseroberfläche ist es noch viel schlimmer!

«Mein Alptraum ist», so hatte Christian deshalb fröhlich verkündet, «wenn ich in diesem Dreckwasser tauchen muss, weil sich etwas in der Schraube verwickelt hat.»

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Murphy’s Law besagt: «Wenn etwas passieren kann, dann passiert es unweigerlich und zwar im schlimmstmöglichen Moment». Diese Regel hat in unserem Fall nur teilweise gestimmt. Zuerst die gute Nachricht: Es geschieht nicht im schlimmstmöglichen Moment. Und jetzt die schlechte Nachricht: Es geschieht. Bei der Ausfahrt aus der Schleuse Nr. 4 des Canal St-Denis machen wir kaum mehr Fahrt und die Schraubenwelle vibriert extrem stark. Diagnose: Etwas hat sich um die Schraubenwelle oder um die Schraube gewickelt. Therapie: Der Kapitän muss tauchen und die Schraube wieder freimachen, daran führt kein Weg vorbei. Ein Güllentauchgang sozusagen.

Auf in die Tauchferien!

Auf in die Tauchferien!

Wir schaffen es mit Ach und Krach vor die Schleuse Nr. 5, die gottseidank noch nicht bereit ist. Wir machen das Schiff am Steuerbord-Quai fest und stellen den Motor ab. Dann rein in die Badehose, Maske und Schnorchel montiert und die Tauchferien können beginnen.

Es zahlt sich aus, dass Christian in jüngeren Jahren – also sozusagen unlängst – Assistant Dive Instructor war. Man kann aber nicht direkt behaupten, er sei mit einem fröhlichen Schnorchel-Jauchzer abgetaucht. Gelegentlich kann er – das ist ja bekannt – seinen Mund nicht halten. Aber hier hat er ihn ganz fest um den Schnorchel geschlossen… Nach einer Ewigkeit taucht er wieder auf, holt tief Luft – und taucht wieder ab. Ein dickes Tau, das ganz offensichtlich von einem Berufsschiff (und nicht von einem Sozialhilfeempfänger!) stammt sowie ein dicker Plastik (Clochard-Zelt?) haben sich um die Schraubenwelle gewickelt. Nach 10 Minuten harter Unterwasserarbeit sind wir wieder fahrklar.

Ein erfolgreicher Tauchgang

Ein erfolgreicher Tauchgang

Paris hat mit seinen Wasserstrassen aber nicht nur für Schiffsführer, sondern auch für Automobilisten seine Tücken.

Wer nicht hören will...

Wer nicht hören will…

...muss fühlen!

…muss fühlen!

Trotz des unfreiwilligen Aufenthalts, den das um die Schraubenwelle gewickelte Tau und der Plastiksack verursacht haben, schaffen wir den Canal Saint-Denis mit seinen sieben Schleusen, einer Hebe- und einer Drehbrücke in der guten Zeit von zweidreiviertel Stunden.

Auf der Seine flussabwärts Richtung Le Havre

Auf der Seine flussabwärts Richtung Le Havre

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Endlich sind wir wieder auf der Seine und können unseren Schiffsdiesel wieder einmal drehen lassen. Das stundenlange Fahren bei niedriger Drehzahl kann zum Verkohlen führen und so fahren wir die nächsten zwei Stunden mit satten 1800 Touren. Unsere Kinette stampft souverän durch die Wellen, die Gischt schäumt am Bug und wir geniessen diese herrliche Fahrt in vollen Zügen. Nach einer Übernachtung im Oberwasser der Schleuse von Bougival erreichen wir Conflans-Sainte-Honorine am Zusammenfluss von Seine und Oise. Dieser Zusammenfluss – Confluence – hat der Stadt ihren Namen gegeben. Conflans ist seit Jahrhunderten dank seiner strategischen Lage die Hauptstadt der französischen Schiffer.

Lastkähne am Quai von Conflans-Sainte-Honorine

Lastkähne am Quai von Conflans-Sainte-Honorine

Davon zeugen unzählige Pénichen, kommerzielle Lastkähne, die zu viert und zu fünft nebeneinander an den endlos langen Quais liegen sowie das Musée de la Batellerie, das nationale Flussschifffahrtsmuseum.

Im nationalen Museum der Flussschifffahrt

Im nationalen Museum der Flussschifffahrt

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Wir biegen in die Oise ein, auf der wir ungefähr einen Kilometer flussaufwärts fahren. Hier wohnt Christophe zusammen mit seiner russischen Frau Maria, dem acht Wochen alten Söhnchen Marc sowie dem Kater Tom auf der «Trio», einer umgebauten Péniche. Christophe hat eine Firma, die auf Schiffselektrik und Schiffsgeneratoren, hauptsächlich der Berufsschifffahrt, spezialisiert ist (www.neoler.com) . Wir haben ihn in Paris kennen gelernt, als wir eine Unregelmässigkeit bei einem Anzeigeinstrument unserer Schiffselektronik feststellten. Damals offerierte uns Christophe, bei ihm längsseits anzulegen und einige Tage zu bleiben.

Liegeplatz an der Oise

Liegeplatz an der Oise

Fünf Minuten nach unserer Ankunft erkundet Kater Tom bereits vorsichtig, aber mit unverkennbarer Neugier unser Schiff.

Nachbars Kater auf Besuch

Nachbars Kater auf Besuch

Christophe und Maria sind von überströmender Gastfreundschaft. Am zweiten Abend, einem unerwartet milden Sommerabend, laden sie uns zum Barbecue («Bachböcü») am Ufer neben ihrer Péniche ein.

Unsere Nachbarn Christophe und Maria

Unsere Nachbarn Christophe und Maria

Es wird ein langer, fröhlicher Abend und wir werden mit wertvollen Tipps über Anlegestellen in den Seitenarmen der Seine versorgt.

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Wie froh wir um einen sicheren Anlegeplatz sind, zeigt sich am folgenden Tag. Der Himmel öffnet seine Schleusen zu einem prasselnden Platzregen, der nahtlos in einen ländlichen Dauerregen übergeht. Auf dem Fluss bedeutet das Hochwassergefahr, aber wir fühlen uns an der hochwassersicher vertäuten «Trio» völlig sicher.

Der Himmel öffnet seine Schleusen

Der Himmel öffnet seine Schleusen

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Dass wir zur richtigen Zeit die richtigen Nachbarn haben, zeigt sich schon in den nächsten Tagen.

Unser wassergekühlter Generator tröpfelt im Bereich der Wasserpumpe wie ein hochgradiger Prostatiker. Das ist deshalb beunruhigend, weil wir oft «wild» anlegen, dann unseren Strom selbst produzieren müssen und deshalb auf einen einwandfrei funktionierenden Generator angewiesen sind. Christophe diagnostiziert einen Schaden an der Wasserpumpe. Das in Schweden gebaute Teil muss in Italien bestellt werden, was unseren Aufenthalt unplanmässig verlängert. Christophe und Maria sorgen aber liebevoll dafür, dass wir nicht verhungern.

Ein bescheidenes Barbecue à la française

Ein bescheidenes Barbecue à la française

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Diese spontanen Bekanntschaften unterwegs bereichern unser Leben auf dem Wasser immer wieder. Zwei Beispiele: In Guernes, einem schmucken Dörfchen an der Seine, machen wir per Velo unsere Einkäufe im Dorfladen. Wir kommen ins Gespräch mit einer Frau, die dort auch gerade am Einkaufen ist. Wie sie erfährt, dass wir auf einer «péniche amenagée» leben, lädt sie uns spontan zum Apéro bei sich zu Hause ein. Das müssten wir unbedingt ihrem Mann erzählen. Zwei Stunden sind im Nu verflogen und wir laden Paul und Colette, unsere Gastgeber, kurzerhand zur Fortsetzung auf unser Schiff ein, das wir an einem See in einem Seitenarm der Seine vertäut haben. Beim Abschied tauschen wir unsere E-Mailadressen aus – wir werden sicher in Kontakt bleiben.

Zwei Tage später liegen wir in Meulan, wiederum in einem stillen Seitenarm der Seine. Weil sich das Wetter von seiner besten Seite zeigt, entschliessen wir uns zu einer Velotour ins Hinterland. Die Strasse steigt steil in Serpentinen zum Dörfchen Évecquemont – zu Deutsch Bischofsberg – empor. Weil wir unsere Trinkflaschen vergessen haben, fragen wir einen Mann, der im Garten seines Hauses arbeitet, ob es hier eine Épicerie habe. Nein, das sei halt ein kleines Dörfchen, hier habe es keine Läden. Wasser bräuchten wir? «Attendez, ça on peut régler tout de suite» erklärt er, verschwindet im Haus und kommt mit einer 1.5 Liter Petflasche Mineralwasser wieder zurück, die er uns mitgibt. Selbstverständlich sei das «cadeau». «Vous avez besoin d’autre chose?» fragt er freundlich und wünscht uns dann gute Weiterfahrt. Diese spontane Hilfsbereitschaft erleben wir immer wieder und dass «die Franzosen» arrogant seien, ist etwa so wahr wie der angebliche Geiz der Schotten. «Die» Franzosen gibt es nämlich so wenig wie «die» Schweizer.

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Das Ziel unseres Abstechers Richtung Le Havre ist Giverny, wo wir die Gärten des Malers Claude Monet besuchen wollen. Die Anlegemöglichkeiten auf diesem Abschnitt der Seine sind extrem rar. In Giverny ist überhaupt nichts, bleibt Vernon auf dem gegenüberliegenden Seine-Ufer. Dort ist lediglich ein Quai, der für Hotelschiffe reserviert ist. Wir schmuggeln uns still und leise vor das riesige Hotelschiff, das dort liegt und dessen Kapitän uns freundlich zuwinkt.

Finde Kinette!

Finde Kinette!

Vernon ist ein hübsches Städtchen, das wegen seiner Brücke über die Seine im August 1944 heftig umkämpft war und dabei massive Schäden erlitt. Aber Teile der Altstadt sind doch erhalten geblieben.

In der Altstadt von Vernon

In der Altstadt von Vernon

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Von Vernon aus sind es lediglich drei Kilometer nach Giverny und da die täglichen Schiffs- und Carladungen von Amerikanern und Japanern, die in Vernon und Giverny ausgekippt werden, dem Dörfchen sichtlichen Wohlstand bescheren, führt sogar ein gepflegter Radweg von Vernon nach Giverny. In Giverny lebte Claude Monet von 1883 bis zu seinem Tod im Jahre 1926 und hier malte er unter anderem seine berühmten Seerosen-Bilder. Die Gärten, die er im Laufe der Jahre anlegen liess, sind auch heute noch schlicht atemberaubend.

Les jardins de Monet

Les jardins de Monet

Für seine Seerosenteiche liess er eigens das Flüsschen Epte umleiten, was den Protest der Anwohner hervorrief. Hätte es damals schon Naturschutz-Aktivisten gegeben, hätten sie sich wohl an die Bäume gekettet – um zu verhindern, was heute Tausende von Garten- und Kunstliebhabern begeistert.

Wohnhaus und Atelier von Claude Monet

Wohnhaus und Atelier von Claude Monet

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Auf dem Rückweg machen wir einen Abstecher nach dem Château de Bizy, dessen heutige Eigentümer in direkter Linie von Napoleon Bonaparte abstammen. Aber der Unterhalt des riesigen Schlosses und des noch riesigeren Umschwungs übersteigt offensichtlich die vorhanden Mittel, sodass die Familie nur einen kleinen Teil des Schlosses bewohnt und die übrigen Räume, soweit sie überhaupt noch möbliert sind, zur Besichtigung freigegeben hat.

Das Château de Bizy

Das Château de Bizy

Zu Napoleons Zeiten waren Brunnen, Fontänen und Wasserspiele en vogue und wenigstens ein Teil davon hat alle Irrläufe der Zeit überstanden.

Wassertreppe im Château de Bizy

Wassertreppe im Château de Bizy

In Vernon liegen wir drei Tage am Quai, freundlich geduldet von den Hotelschiff-Kapitänen. Dies ist der nördlichste Punkt unsere Fahrt auf der Seine. Im Laufe des Monats August wollen wir seineaufwärts wieder nach Paris zurück.

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