Bericht 102, Juni 2014 – Teil 2

Mirow – Rechlin – Waren

(Mecklenburgische Grossseenplatte; 37km, 1 Schleuse)

Verwendete Unterlagen:
Digitale Version von: Mecklenburgische Seenplatte, Binnenkarten Atlas 2, Verlag Kartenwerft, Flensburg 2013; Robert Tremmel: Mecklenburg, Brandenburg, Hafenführer für Hausboote, Berlin 2014

Von Mirow über die Müritz nach Waren

Von Mirow über die Müritz nach Waren

Wir benutzen die warmen Junitage, um die Gegend um Mirow nicht nur mit dem Kanu, sondern auch mit dem Fahrrad zu erkunden.

Eingang zum Arboretum «Erbsland»

Eingang zum Arboretum «Erbsland»

Von Mirow aus kann man nicht nur sehr schöne Kanutouren unternehmen. Eine gute halbe Fahrradstunde nördlich von Mirow befindet sich in einem Gebiet mit dem seltsamen Namen «Erbsland» ein grosser Wald. Vermutlich stammt der Name Erbsland davon, dass hier Bauern vor langer Zeit Erbsen anbauten.

In der Waldkathedrale

In der Waldkathedrale

Interessant ist das Erbsland nicht deswegen, sondern weil hier vor bald 130 Jahren der Grossherzogliche Oberforstinspektor Friedrich Scharenberg ein sieben Hektaren grosses Waldgebiet mit zahlreichen ausländischen Baumarten bepflanzte, um mehr über deren Eignung für die Forstwirtschaft zu erfahren. Als Scharenberg 1901 starb, geriet sein Anbauversuch in Vergessenheit und über die Jahrzehnte entstand ungestört ein Arboretum.

Begünstigt wurde diese Entwicklung dadurch, dass dieser Wald bis heute nur zu Fuss oder mit dem Fahrrad über eine ziemlich mühsam zu befahrende Sandpiste erreichbar ist. Nimmt man aber die Mühe auf sich, so wird man mit einem eindrücklichen Erlebnis belohnt. Jeglicher Zivilisationslärm ist weit entfernt, man befindet sich mutterseelenallein in einer Art Waldkathedrale und die Musik besteht aus Vogelgezwitscher sowie dem Rauschen der mächtigen, bis zu 50 Meter hohen Bäume.

Grüne Douglasie

Grüne Douglasie

Tulpenbaum

Tulpenbaum

Riesenlebensbaum

Riesenlebensbaum

Neben den einheimischen Stieleichen, Weissbuchen, Eschen, Ulmen, Lärchen, Küsten-, Weiss-, Edel- und Nordmannstannen, Moorbirken, Roterlen und Ulmen findet man Bäume wie Butternuss, Riesenlebensbaum, Weymouthskiefer, Tulpenbaum, Coloradotanne, Sitkafichte, Lawsons Scheinzypresse, Grüne Douglasie, Robinie undsoweiter undsofort.

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Von Mirow aus fahren wir auf dem Mirower Kanal zur mecklenburgischen Grossseenplatte. Die Schleuse von Mirow ist in der Hochsaison ein Flaschenhals, sodass man ohne weiteres mehrere Stunden auf die Schleusung warten kann. Wir befahren die Strecke anfangs Juni und können ohne Wartezeit in die Schleuse einfahren.

Die «gewonnene» Zeit verlieren wir allerdings wieder, weil ein Mietboot-Kapitän beim Hinaufschleusen nicht aufpasst und deshalb nicht bemerkt, dass sich sein Belegtau verklemmt.

Belegt man hier das Tau und die Schleuse füllt sich, ...

Belegt man hier das Tau und die Schleuse füllt sich, …

..., so geschieht so etwas!

…, so geschieht so etwas!

Er hat erstens sein Tau belegt (was man auch beim Hinaufschleusen ausser bei Schwimmpollern nie machen sollte!) und er hat zweitens nicht bedacht, dass der Heckpoller seiner Mietyacht deutlich höher ist als das Ende der Befestigungsstange in der Schleuse. Wenn sich ein Tau mit soviel Gewicht daran erst einmal verkniffen hat, ist Lösen unmöglich. Der gutmütige Schleusenwärter von Mirow kann nicht einfach etwas Wasser ablassen, dies lässt die Elektronik nicht zu. Er muss den ganzen Schleusenvorgang wiederholen. Niemand ruft aus, denn jeder Böötler weiss: Eine kurze Unaufmerksamkeit, und es hat auch Dich erwischt!

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So erreichen wir denn unser Tagesziel, den Yachthafen Rechlin, etwas verspätet.

Yachthafen Rechlin an der Kleinen Müritz

Yachthafen Rechlin an der Kleinen Müritz

Rechlin ist vor allem für Aviatik-Interessierte ein Muss. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges begann die Wehrmacht hier still und leise mit dem Wiederaufbau der Luftwaffe. Dazu wurden die Müritzflugplätze gebaut. In der Zeit des Nationalsozialismus entstand hier die «Zentrale Erprobungsstelle der Deutschen Luftwaffe».

Reste der sowjetischen Mauer um Rechlin-Nord

Reste der sowjetischen Mauer um Rechlin-Nord

1945 übernahm die Rote Armee die Einrichtungen, errichtete eine Kasernenstadt, in welcher bis zu 4500 Armeeangehörige mit ihren Familien untergebracht waren, und baute um das 150 Quadratkilometer umfassende Gebiet von Rechlin eine Mauer, um jeglichen Kontakt zwischen der Roten Armee und der Bevölkerung zu verunmöglichen.

Bis 1993 die Schule des russischen Sektors, zurzeit noch dem Zerfall preisgegeben

Bis 1993 die Schule des russischen Sektors, zurzeit noch dem Zerfall preisgegeben

Nach dem Abzug der Sowjets im Jahre 1993 wurde das Gebiet den Deutschen zurückgegeben. Langsam blüht neues Leben aus den Ruinen und aus der Erprobungsstelle wurde das Luftfahrttechnische Museum Rechlin.

Der Freiluftteil des Luftfahrtmuseums Rechlin

Der Freiluftteil des Luftfahrtmuseums Rechlin

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Rechlin liegt an der Kleinen Müritz, an welche im Norden die Müritz anschliesst, mit 117 km2 der grösste ganz auf deutschem Gebiet liegende See Deutschlands – den mit 536 km2 deutlich grösseren Bodensee muss sich Deutschland mit der Schweiz und mit Österreich teilen. Flächenmässig ist die Müritz übrigens ziemlich genau gleich gross wie der schweizerische Vierwaldstättersee.

Auf der Müritz von Rechlin nach Waren

Auf der Müritz von Rechlin nach Waren

Die Müritz – der Name stammt aus dem Slawischen und bedeutet «Kleines Meer» – sollte man keinesfalls unterschätzen. Auch wenn sie nicht sehr tief ist, können sich bei Starkwind bis zu anderthalb Meter hohe Wellen aufbauen. Die Betonnung nimmt man mit Vorteil ernst, insbesondere die mit Kardinalen signalisierten «Grosser Steinhaufen» und «Kleiner Steinhaufen».

Ein Südkardinal

Ein Südkardinal

Zur Erläuterung: Eine allgemeine Gefahrenstelle wie eine Untiefe oder ein Wrack ist (im Idealfall) mit einem sog. Kardinalzeichen signalisiert, welches für die verschiedenen Quadranten der Windrose den Bezug zur Lage des Hindernisses angibt. Der hier gezeigte Südkardinal markiert den Südquadranten, also den Sektor zwischen Süd-West und Süd-Ost und bezeichnet den südlichsten Punkt der Gefahrenstelle. Wir lernen daraus, dass auch Kardinäle für etwas gut sein können. Bischöfe gibt es übrigens als Seezeichen nicht.

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Waren von der Binnenmüritz aus gesehen

Waren von der Binnenmüritz aus gesehen

Einlaufen in den Stadthafen von Waren

Einlaufen in den Stadthafen von Waren

Beachtet man die übliche Seemannschaft, so ist das Befahren der Müritz und der mit ihr verbunden Seen – Kölpinsee, Fleesensee und Plauensee – Genuss pur. Ein Wassersportgebiet von mehreren hundert Quadratkilometern ohne eine einzige Schleuse zwischen Mirow und Plau und mit lediglich einer Drehbrücke (Malchow) und einer Hubbrücke (Plau).

Die Drehbrücke von Malchow

Die Drehbrücke von Malchow

Der Stadthafen von Waren

Der Stadthafen von Waren

In Waren sollte man unbedingt das Müritzeum mit seinem über 100’000 Liter fassenden Süsswasseraquarium, das sich über drei Etagen erstreckt, besuchen. In 24 weiteren Aquarien sieht man die gesamte Flora und Fauna vom Quell- bis zum Mündungsbereich der Havel.

Müritzeum

Müritzeum

Daneben umfasst das Müritzeum didaktisch hervorragend gestaltete Abteilungen zu Wald- und Forstwirtschaft, Fischerei und Geologie.

Der Marktplatz von Waren

Der Marktplatz von Waren

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Dreistämmige Eiche im Müritz-Nationalpark

Dreistämmige Eiche im Müritz-Nationalpark

Südöstlich von Waren, am Ostufer der Müritz, erstreckt sich der mit 322 km2 Fläche grösste deutsche Nationalpark des Binnenlandes, der Müritz-Nationalpark. Ein Eldorado für Naturliebhaber: Moore, Wälder, Gewässer, Röhricht und Bruchwälder beherbergen 240 Vogelarten (darunter Kranich, See- und Fischadler), über 800 Schmetterlings- und Libellenarten sowie 913 verschiedene Farn- und Blüten-pflanzen.

Unter uns die Libellen...

Unter uns die Libellen…

... und über uns kreist der Fischadler

… und über uns kreist der Fischadler

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Aus dem Logbuch

  • Mirow. Bootsservice Rick an der Schlossinsel. Idyllisch gelegener, kleiner Hafen. Strom (16 Amp), Wasser, WC, Duschen, Waschmaschine, Trockner. Kostenpflichtig. Hafenmeister Ole betreibt einen kleinen Shop mit Bootszubehör, Karten und Reiseführern, Lebensmitteln, Imbiss. Alle Einkaufsmöglichkeiten im Dorf (EDEKA, Lidl etc.). Gastronomie: «Blaue Maus». Von einem Fliegeras des I. Weltkriegs nach seinem Jagdflieger benanntes Restaurant. Wild aus eigener Jagd sowie Fischspezialitäten. Sehenswürdigkeiten: Das Museum im 3 Königinnen Palais. Modernes und gepflegtes Museum. Für Kinder Audioguide.
  • Rechlin. Yachthafen Ferienzentrum Rechlin. Gut ausgestatteter, moderner Hafen. Strom (16 Amp), Wasser, Duschen, WC, Waschmaschine, Trockner. Kostenpflichtig. Hafenrestaurant «Spinnaker»». Freundlicher und hilfsbereiter Hafenmeister. Sehenswürdigkeit: Luftfahrttechnisches Museum.
  • Waren. Liegemöglichkeiten im umtriebigen Stadthafen Waren, in der Marina Eldenburg bei Waren und im Hafen des 4 km vom Stadtzentrum entfernten Camping- und Wohnmobilparks Kamerun Waren. Im Stadthafen Strom (16 Amp) und Wasser, Kostenpflichtig. Duschen, WC, Fäkalienentsorgung. Gute Einkaufsmöglichkeiten. Sehenswürdigkeiten: Müritzeum und Müritz-Nationalpark. Gastronomietipp: Empfohlen werden «Klabautermann» (keine Reservationsmöglichkeit!) und «Kleines Meer». Wir assen im «Fischerhof» und im «Altes Reusenhus»; beide waren in Ordnung.
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Ein Gedanke zu „Bericht 102, Juni 2014 – Teil 2

  1. Liebe Charlotte und Christian

    nur so auf die Schnelle: Der Beitrag in eurer Website über die Fahrten in der Müritz, besonders die tollen Fotos, sind Spitze! Zur Dokumentation der verblichenen DDR-Zeit wäre auch das Bahnhofgebäude in Mirow und der auf den grasbewachsenen Schienen tuckernde Triebwagen bestens geeignet gewesen. Im Fliegeras-Restaurant „Blaue Maus“ waren wir nie, ich kann mich aber gut an die Fotos am Gebäude erinnern.

    Mit lieben Grüssen aus dem kalten und stürmischen Oostmahorn

    Martin und Thesi

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