Bericht 124, Mai/Juni 2016

Auf der Werft in Harlingen – Teil 2

Nachdem wir uns im letzten Bericht zur Abwechslung Harlingen und seiner Umgebung zugewendet haben, verfolgen wir wieder den Fortgang der Arbeiten in der Werft. Wir haben viele Mails erhalten, in denen wir gebeten wurden, möglichst zeitnah über den Fortgang der Arbeiten zu berichten.

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Am Ende des Berichts 123 war der Rumpf mit einer ersten Lage von 60 Liter Zweikomponenten-Epoxy Hempadur 45141 gespritzt worden.

Zwei-Komponenten Spachtel

Zwei-Komponenten Spachtel

Im nächsten Arbeitsgang werden die Stösse zwischen den genieteten Platten und die Nieten mit Hempel’s ProFiller 35370 gespachtelt. Ebenso wird die gesamte Scheuerleiste mit Zweikomponenten-Spachtel abgedichtet, weil hier Rost weg gestrahlt wurde. Damit wird ein erneutes Rosten verhindert.

Verspachteln der Scheuerleiste

Verspachteln der Scheuerleiste

Der Schiffsboden wird ebenfalls verspachtelt

Der Schiffsboden wird ebenfalls verspachtelt

Verspachteln aller Nieten und Stösse

Verspachteln aller Nieten und Stösse

«Spachteln» tönt nach «Yacht» und einer makellosen Karosserie. Darum geht es hier nicht. Der Auftrag eines Zweikomponenten-Spachtels, der nach dem Aushärten verschliffen wird, dient der Dichtigkeit des genieteten Rumpfes und der Rostprävention. Deshalb ist sorgfältiges Arbeiten, wie dies hier geschieht, entscheidend. Natürlich hat unser Schiff im Laufe seines langen Lebens als Frachtschiff auch mal einen Knuff abbekommen, der Spuren in Form einer Delle hinterlassen hat. Diese Dellen werden bewusst nicht ausgespachtelt. Schliesslich geht es hier nicht um eine Schönheitskur, sondern wie erwähnt um Dichtigkeit und Rostprävention.

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Die Epoxyfarbe wird mit dem Härter gemischt

Die Epoxyfarbe wird mit dem Härter gemischt

Nachdem die verspachtelten Stellen glatt geschliffen worden sind und der Schleifstaub mit Pressluft weggeblasen wurde, wird die zweite Lage Epoxy aufgetragen.

Auftrag der zweiten Lage Epoxy

Auftrag der zweiten Lage Epoxy

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Am nächsten Morgen wird die dritte Lage Epoxy aufgetragen. Diese ist über der Wasserlinie dunkel, weil darüber das Antifouling resp. die schwarze Rumpffarbe gespritzt werden. Wäre die dritte Epoxyschicht hell, würde bei einem Farbschaden der weisse Untergrund zum Vorschein kommen – was nicht unbedingt schön ist.

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Nachdem die dritte Lage Epoxy ausgehärtet ist, wird oberhalb der Wasserlinie die letzte Schicht aufgetragen, nämlich ein Seidenglanz-Schwarz – wiederum eine Zweikomponentenfarbe.

Dann wird das Unterwasserschiff mit einem Zweikomponenten-Haftgrund gespritzt, worauf nach angemessener Trocknungszeit das Antifouling gespritzt wird.

Haftgrund

Haftgrund

Antifouling

Antifouling

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Zur Illustration, wie bei einem genieteten Rumpf das Farbsystem aufgebaut werden sollte, damit Dichtigkeit und langfristige Rostprävention gewährleistet sind, schauen wir uns immer die gleiche Stelle (über der Wasserlinie) im Schnelldurchlauf an, wobei es sich beim ersten Bild um den Rumpf eines anderen Schiffes handelt. Unser Rumpf sah aber ziemlich ähnlich aus.

Vor dem Sandstrahlen

Vor dem Sandstrahlen

Nach dem Sandstrahlen

Nach dem Sandstrahlen

Eine Lage Epoxy, dann verspachtelt, ...

Eine Lage Epoxy, dann verspachtelt, …

... verschliffen, ...

… verschliffen, …

... und zweite sowie eine dritte Lage Epoxy

… und zweite sowie eine dritte Lage Epoxy

Nach dem Auftrag der letzten Schicht Zweikomponenten-Farbe

Nach dem Auftrag der letzten Schicht Zweikomponenten-Farbe

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Mit dem Auftrag des Antifouling ist das Coating des Rumpfes bis zur Scheuerleiste fertig. Oberhalb der Scheuerleiste hatten die Maler schon vor dem Sandstrahlen mit Schleifen angefangen.

Der Rumpf unterhalb der Scheuerleiste ist fertig behandelt

Der Rumpf unterhalb der Scheuerleiste ist fertig behandelt

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Anschliessend ist das Dach des Wohnbereichs an der Reihe. Die alte Farbe wird ab- und dann Primer (Haftgrund) aufgetragen, Darauf folgt eine Lage Farbe, welche nach dem Trocknen leicht geschliffen wird, worauf eine zweite Lage aufgetragen wird.

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Die einzelnen Planken des Steuerhausdachs werden geschliffen und gemalt

Die einzelnen Planken des Steuerhausdachs werden geschliffen und gemalt

Die Kranwinde: Entrostet, geschliffen, gespritzt

Die Kranwinde: Entrostet, geschliffen, gespritzt

Da wir selbst nicht einfach mit den Händen in den Hosentaschen herumstehen wollen, übernehmen wir jene zeitraubenden Arbeiten, welche keine besonderen Fachkenntnisse erfordern, wie beispielsweise das Schleifen und Malen des Steuerhausdachs, das Schleifen und Entrosten der Kranwinde oder das Anbringen der zwanzig Opferanoden am Rumpf. Warum «Opferanode»?

Eine Opferanode wird angebracht

Eine Opferanode wird angebracht

Wenn Stahl mit Wasser in Kontakt kommt, so greift der im Wasser gelöste Sauerstoff das Metall an. Durch Oxidation werden dem Stahl Elektronen entzogen und die positiv geladenen Ionen bewirken, dass der Stahl korrodiert. Um dies zu verhindern, wird als kathodischer Korrosionsschutz ein Stück Metall angebracht, welches in der Spannungsreihe negativer als der zu schützende Stahl ist. In unserem Fall ist dies Aluminium, welches der Korrosion «geopfert» wird.

Opferanode aus Aluminium

Opferanode aus Aluminium

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Eine hübsche Trouvaille am Rande:

Aus dem Messbrief von Kinette

Aus dem Messbrief von Kinette

Holländische Stahlschiffe erhielten seinerzeit bei ihrer ersten Vermessung einen «Meetbrief», den Messbrief. Die Nummer des Messbriefs wurde meistens an zwei Stellen als sogenannte «Brandmerk» in den Rumpf eingeschlagen. Wir besitzen noch den originalen Messbrief des Schiffs aus dem Jahre 1922, das damals «Hoop op Welvaart» («Hoffnung auf Wohlstand») hiess, was offenbar den Lebenstraum des ersten Eigners wiedergab. Der Messbrief unseres Schiffs trägt die Nummer A 9672. Und tatsächlich kommt beim Abtragen der alten Farbschichten die eingeschlagene Nummer A 9672 N (N für Niederlande) zum Vorschein. Es ist ein bisschen wie Archäologie!

Die «Brandmerk» am Schiffsrumpf

Die «Brandmerk» am Schiffsrumpf

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Dann endlich ist es soweit, dass unser Schiff aus der Halle gefahren wird.

Die alte Dame wiegt 41’600 Kilogramm

Die alte Dame wiegt 41’600 Kilogramm

Wir getrauen uns ja beinahe nicht, vom Wetter zu sprechen: in Frankreich, der Schweiz und dem Süden Deutschlands ist Hochwasser, es regnet und regnet und regnet… Aber in Friesland herrscht schönes Wetter, höchstens einmal ein kurzer Regenschauer und dann scheint die Sonne wieder. Und selbiges tut sie auch, wie Kinette aus der Halle gefahren wird. Das Schiff funkelt und strahlt im Sonnenlicht, es ist eine wahre Freude.

Kinette wird mit dem Kran etwas angehoben, damit auch jene Stellen behandelt werden können, wo sie auf dem Bock auflag. Bei dieser Gelegenheit sehen wir an der Kranwaage, dass unser Schiff (mit leeren Wassertanks) exakt 41’600 Kilogramm schwer ist.

Zurück ins Wasser

Zurück ins Wasser

Am nächsten Tag wird Kinette zu Wasser gelassen und bleibt eine Stunde in den Gurten hängen, bis wir sicher sein können, dass der Rumpf – nach dem Sandstrahlen! – noch dicht ist. Er ist es.

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Die Belegschaft von DURLO Jachtschilders

Die Belegschaft von DURLO Jachtschilders

Wir verabschieden uns von den DURLO-Malern mit einem Barbecue und nehmen auch Abschied von unseren Gastgebern vom Bed and Breakfast «De Tobbedanser» (www.detobbedanser.nl) die uns während der ganzen Zeit nach Strich und Faden verwöhnt haben.

Unsere B&B-Gastgeber Linda und Albert Bergsma mit der Lieferantin der Frühstückseier

Unsere B&B-Gastgeber Linda und Albert Bergsma mit der Lieferantin der Frühstückseier

Abschied nehmen heisst es auch von Monica und Hans Räber (und Hund Chico) mit ihrer «Baba Jaga». Sie waren auf der benachbarten SRF-Werft für ein paar Anpassungen und wir haben in Harlingen einige gemütliche Abende miteinander verbracht.

Hans und Monica Räber

Hans und Monica Räber

Am 16. Juni verholen wir zur Tankstelle von Multiship, bunkern Diesel und Trinkwasser und dann ruft Christian wie in der Fernsehserie «Küstenwache» Kapitän Ehlers «Wir laufen aus!»

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http://www.kinette.ch/index.php/2016/06/20/bericht-124/
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4 Gedanken zu „Bericht 124, Mai/Juni 2016

  1. Moin moin liebe Kinette-Crew,
    gut sah sie ja schon immer aus, die Kinette, das „schiffigste“ unter den Wohnschiffen, die ich bisher gesehen habe; aber jetzt strahlt sie richtig!
    Als ehemaliger Marineoffizier kann ich mir so ungefähr vorstellen, welchen Aufwand man betreiben muss, um ein Schiff so gut in Schuß zu halten. Ich wünsche euch sehr, dass ihr dafür mit einer tollen, unfall- und störungsfreien Saison belohnt werdet!…
    Eine Frage habe ich noch (die ihr bestimmt schon hundertmal beantworten musstet): warum seid ihr eigentlich nicht unter der Flagge der Schweiz unterwegs?…

    Viele Grüße aus Doppel-D und immer die berühmte Handbreit Wasser unterm Kiel
    Micha

    • Hallo Micha, wir bedanken uns für die fachkundigen Komplimente zum Aussehen des Schiffs und werden sie an Kinette weitergeben… Die Flaggenfrage war in der Tat ein Dauerläufer. Wir führten jahrelang als schweizerische Schiffseigner die schweizerische Flagge. Das führte regelmässig zur Frage «Heimathafen Amsterdam und Schweizerflagge – wie geht das?» Nun ist aber das Schiff im niederländischen Schiffskataster eingetragen, in den Niederlanden versichert, hat einen niederländischen Heimathafen und wir haben einen niederländischen Wohnsitz. Dann ist eigentlich die niederländische Flagge logisch. Wir führen zum Ausgleich einen schweizerischen Wimpel in der Backbordsaling.

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