Bericht 126, Juni 2016

Huizen – Nederhorst den Berg – Vianen – Meerkerk

(81 Kilometer; 4 Schleusen, 19 Dreh- und Hebebrücken)

Von Huizen am Gooimeer nach Meerkerk am Merwedekanal

Von Huizen am Gooimeer nach Meerkerk am Merwedekanal

Wir laufen an einem Freitagmorgen knapp vor 09:00 Uhr aus dem Gemeindehafen Huizen aus. Das Wetter ist – so vermeldet das Logbuch – «mehrheitlich heiter».

Der Vorhafen von Huizen

Der Vorhafen von Huizen

Die Fahrrinne zum Goimeer ist mit Tonnen bezeichnet, man hält sich mit Vorteil an diese Betonnung. Eine rot-grüne Trenntonne zeigt an, dass wir die Hauptfahrrinne erreicht haben. Dass Rot-Grün die richtige Richtung weist, gilt zumindest in der Schifffahrt. Ob es sich in der Politik auch so verhält, lassen wir hier offen. Wir wollen uns lieber den schönen Dingen des Lebens zuwenden, wie etwa der Fahrt auf dem Gooimeer bis zum Warenar Hooft, ostnordöstlich von Muiden. Mit der Farbe rot-grün werden wir uns aber noch in anderem Zusammenhang beschäftigen. Zuerst kommt aber die weit ins Wasser hinausreichende Mole von Muiden. Eingangs Muiden empfängt uns das gleiche hölzerne Schiffswrack wie schon vor Jahren, lediglich in einem noch fortgeschritteneren Stadium des Zerfalls.

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Die Grosse Seeschleuse von Muiden verfügt über zwei Kammern, sodass eigentlich selten lange Wartezeiten entstehen. Tatsächlich steht die Backbordkammer auf Grün, wir können direkt einfahren und werden zügig geschleust.

Nach dem Schleusen passieren wir eine grosse Baustelle. Hier wird die Autobahn, die nach Amsterdam führt, künftig den Kanal unterqueren, womit eine Hebebrücke und damit für Segelschiffe mit stehendem Mast ein lästiges Nadelöhr entfällt.

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Wir fahren jetzt auf der Vecht. Das nur unmerklich und in vielen Windungen von Utrecht nach Muiden strömende Flüsschen gilt in seinem mittleren Teil als einer der schönsten Wasserwege der Niederlande. Die erste Siedlung an der Vecht, wenn man sie von Muiden her befährt ist Weesp, eine alte Festungsstadt. Nördlich von Weesp führt eine Eisenbahnbrücke mit – in geschlossenem Zustand – einer Durchfahrtshöhe von 3.75 Meter über die Vecht. Die Öffnungszeiten richten sich nach dem Fahrplan der Eisenbahn. Das kann lange Wartezeiten zur Folge haben. Es ist deshalb sicher keine schlechte Idee, das Schiff, wenn man denn kann, bis auf diese Höhe abzubauen. Bei uns geht das mit vier Handgriffen (Mast, blaue Tafel, Antennenbügel, Beibootkran).

Hebebrücke in Weesp

Hebebrücke in Weesp

Es hätte freie Liegeplätze in der Stadtgracht von Weesp, aber nach den Häfen Elburg und Huizen zieht es uns ins Grüne. Wir lassen also Weesp hinter uns liegen und fahren weiter bis zu einem Liegeplatz in Nederhorst den Berg. Ausser soliden Pfählen zum Vertäuen gibt es hier weder Strom noch Wasser. Dafür wird kein Liegegeld erhoben – was in Südholland nicht selbstverständlich ist.

Nederhorst den Berg

Nederhorst den Berg

Wir bleiben drei Tage an diesem Liegeplatz im Grünen. Mit ein Grund – neben der Ruhe – ist die Umgebung. Die Gegend um den Spiegelpolder, einem befahrbaren kleinen See, ist Naturschutzgebiet mit Mooren und Sümpfen und lädt geradezu zum Wandern und Radfahren ein.

Ein verstecktes Kleinod beim Spiegelplas

Ein verstecktes Kleinod beim Spiegelplas

Ein kleiner Moorsee, der Spiegelplas

Ein kleiner Moorsee, der Spiegelplas

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Unserem Liegeplatz gegenüber beobachten wir eine Gans, die uns etwas Kopfzerbrechen bereitet.

Rostgans oder Nilgans?

Rostgans oder Nilgans?

Nach unserem Bestimmungsbuch könnte es sich um eine Rostgans handeln. Aber das Gebiet, in welchem sie auftritt («Vor allem an Brack- und Salzwasserseen in Steppengebieten, in Tälern und sogar auf Hochebenen des Berglandes»), will nicht so recht stimmen. Der Rostgans ähnlich ist offenbar die Nilgans, die als ausgewilderte Parkvögel «vor allem in Südeuropa und den Niederlanden» brüten. Könnte doch hinkommen, das mit den Niederlanden.

Sicher kann einer unserer ornithologisch beschlagenen Leser das Rätsel lösen. Wir sind gespannt!

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An der Vecht gibt es wohl mehrere Anlegemöglichkeiten, manchmal mit Wasser, sehr selten mit Strom. In der Saison sind sie sehr gut besetzt. Sie sind alle auf der ANWB-Wasserkarte «Vechtplassen» eingezeichnet. Für die Vecht typisch sind aber die kleinen Zugbrücken in den Dörfern, die dafür sorgen, dass man dieses schöne Fahrwasser nicht im Schnellzugtempo absolviert.

Die Dorfbrücke von Loenen

Die Dorfbrücke von Loenen

Zu diesen Brücken (und ganz allgemein zu den niederländischen Hebe- und Drehbrücken) die oben versprochene Bemerkung zum Thema Rot-Grün. Wenn auf beiden Seiten einer geschlossenen Brücke Boote warten, schaltet der Brückenwärter die Lichter derjenigen Seite, die zuerst durchfahren kann, auf rot-grün, während die Gegenseite rot bleibt. Ist die Brücke völlig gehoben, schaltet sie automatisch auf grün. Weil gehobene Brücken den Strassenverkehr unterbrechen, sollte man sie so zügig wie möglich passieren. Das heisst im Klartext, dass man NICHT wartet, bis die Lichtsignale von rot-grün auf grün umschalten, sondern dann losfährt, wenn die Brücke so weit gehoben ist, dass man durchfahren kann. Im gesetzestreuen Deutschland ist das schon ein Straftatbestand (weshalb auch viele deutsche Skipper brav auf «grün» warten), in den Niederlanden mit ihren unzähligen Brücken ist das nicht nur schiere Notwendigkeit, sondern der Brückenwärter zählt darauf, dass man losfährt, sobald man durchfahren kann.

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An der Vecht bauten im «Goldenen Jahrhundert» reich gewordene niederländische Kaufleute ihre Sommersitze, vielfach kleine Paläste und Schlösschen.

In Frankreich und in Mecklenburg-Vorpommern sind derartige Gebäude leider vielfach dem Verfall preisgegeben. Nicht in den Niederlanden. Hier werden diese architektonischen Kleinode entsprechend gepflegt und unterhalten.

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Nach Maarssen hat man die Wahl, entweder auf der Vecht weiter zu fahren, nach Utrecht hinein, oder durch eine Schutzschleuse und unter der Opburenbrug auf den Amsterdam-Rhein-Kanal (ARK) hinaus zu fahren. Die Durchfahrtshöhe durch Utrecht beträgt 3.20 Meter, wir können bis auf 3.18 Meter abbauen. Nach dem regenreichen «Sommer»beginn gehen wir kein Risiko ein und biegen hart über Steuerbord in die schmale Durchfahrt unter der Opburenbrug ein.

Schlechtwetter auf dem Amsterdam-Rhein-Kanal

Schlechtwetter auf dem Amsterdam-Rhein-Kanal

Diese unübersichtliche Einfahrt vom idyllischen «Nebensträsschen» Vecht auf die stark befahrene «Autobahn» ARK ist heikel. Auf dem ARK rauschen die grossen Frachtschiffe, die bis zu 5’000 Tonnen Fracht führen, mit bis zu 20 km/h heran. Hat man Funk, meldet man sich auf Kanal 61 bei der Verkehrsüberwachung «Sector Maarssen» an. Dort erhält man sofort freundlich Auskunft, ob man gefahrlos auf den ARK hinaus fahren kann oder noch warten muss. Heute ist wegen der schlechten Sicht besondere Vorsicht geboten.

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Durch die «Zuidersluis» (Südschleuse) gelangen wir auf den «Merwedekanaal benoorden de Lek» (Merwedekanal nördlich des Lek) und kommen zur «Koninginnensluis» (Königinnenschleuse), einer riesigen Zweikammerschleuse. Diese Schleuse trennt den Merwedekanal vom Lek, einem Rheinarm. Normalerweise ist der Pegelunterschied zwischen Kanal und Lek nur wenige Zentimeter.

Dieses Jahr ist das Wetter aber nicht «normalerweise» und was uns draussen auf dem Lek erwartet, sehen wir, sobald die Schleuse geflutet wird: Wir schleusen sicher einen Meter in die Höhe.

Die Fussgängerfähre kämpft sich über den Hochwasser führenden Lek

Die Fussgängerfähre kämpft sich über den Hochwasser führenden Lek

Wir fahren aus der Königinnenschleuse auf den Lek hinaus und müssen ein kurzes Stück gegen die Strömung fahren, bis wir am anderen Ufer den Vorhafen der grossen Schleuse von Vianen erreichen. Sämtliche 158 Pferde unseres Schiffsdiesels legen sich in die Zügel und mit einer schäumenden Bugwelle dampfen wir gegen den Strom und dann in den geschützten Vorhafen der Schleuse.

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Nach der Schleuse von Vianen fahren wir auf dem «Merwedekanaal bezuiden de Lek» (Merwedekanal südlich des Lek). Bis nach Meerkerk, wo wir die Hochsaison abwettern wollen, wäre es zwar nur noch etwa eine Stunde Fahrt. Aber in Vianen gibt es verschiedene grosse Supermärkte und einen gut gelegenen, wenn auch teuren Passantenhafen.

Der Passantenhafen von Vianen

Der Passantenhafen von Vianen

Gegenüber dem Passantenhafen, am Merwedekanal, sind Liegeplätze für Berufsschiffe. Eines dieser Berufsschiffe wird von einem jungen Ehepaar mit Kleinkindern betrieben. Für die beiden Kinder haben sie einen gesicherten Spielplatz eingerichtet.

Es sieht zwar aus wie ein Hochsicherheitsgefängnis für kriminelle Kleinkinder, verhindert aber den Ertrinkungstod, dem immer wieder Kinder von Berufsschiffern zum Opfer fallen.

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Liegeplätze südlich der Hebebrücke von Meerkerk

Liegeplätze südlich der Hebebrücke von Meerkerk

Nachdem wir in Vianen unsere Vorräte wieder ergänzt haben, laufen wir aus. In Meerkerk können wir mit Zustimmung der Gemeindebehörden den Liegeplatz eines Traditionsschiffes benützen, dessen Eigner damit auf Fahrt ist.

Im Gemeindehafen von Meerkerk

Im Gemeindehafen von Meerkerk

Der Merwedekanal bei Meerkerk

Der Merwedekanal bei Meerkerk

Hier gedenken wir der Hochsaison aus dem Weg zu gehen, einen kurzen Heimatbesuch zu machen und anfangs August weiter zu fahren.

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Am ersten Samstag im Juli ist in Meerkerk grosser Markt. Die Unterschiede zu einem schweizerischen Jahrmarkt sind spannend. Nicht, was die üblichen Marktstände betrifft: Ledertaschen und -gürtel findet man überall, ebenso die gemeinnützigen Frauenorganisationen mit Selbstgestricktem und Selbstgebackenem. Aber kulinarisch sind die Unterschiede spürbar. In der Schweiz gehören zu einem Jahrmarkt Bratwürste und Cervelats, Magenbrot und Zuckerwatte.

«poffertjes»

«poffertjes»

Frisch geräucherter Aal

Frisch geräucherter Aal

Sirupwaffeln

Sirupwaffeln

Die «Pfannkuchenfabrik»

Die «Pfannkuchenfabrik»

Hier gibt es frisch geräucherten Aal, frische Sirupwaffeln, «Poffertjes» (kleine Krapfen), frische «Oliebollen» (eine Art Berliner) und Pfannkuchen.

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Eine besondere Attraktion ist die mit zwei mächtigen Friesenpferden bespannte Dampf-Feuerwehrspritze. 1910 gebaut, ist sie noch heute funktionsfähig.

Für Liebhaber von Dampfmaschinen (Corinna und Dieter wenn Ihr das lest: Wir meinen Euch!), fügen wir noch ein paar Nahaufnahmen der Maschine unter Dampf an.

Alle anderen müssen sich bis anfangs August gedulden – dann fahren wir wieder!

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Aus dem Logbuch

  • Huizen. Stiftung Jachthafen Huizen «’t Huizerhoofd». Zufahrt 100 Meter nach der Hafeneinfahrt nach backbord. Passantenliegeplätze, für grössere Schiffe nur an den Kopfstegen.Alle Einrichtungen, aber teuer. Weitere Liegeplätze im Gemeindehafen an einem 300 m langen Pier, nach der Hafeneinfahrt nach steuerbord und am historischen Hafenquartier vorbei. Kostenpflichtig. Strom und Wasser. Duschen und Toiletten im Hafenmeistergebäude. Huizen hat eine attraktive Einkaufszone, etwa 15 Gehminuten vom Hafen entfernt (Wegweiser «Oude Dorp» folgen).
  • Liegeplätze an der Vecht. Entlang der Vecht gibt es zahlreiche Liegeplätze, in Dörfern und auch ausserhalb. Die Liegeplätze in Dörfern sind zumeist kostenpflichtig, aber nur selten mit Wasser- und noch seltener mit Stromanschlüssen versehen. Die Liegedauer ist in der Regel auf 3 x 24 Stunden beschränkt. Die Dörfer an der Vecht (Weesp, Vreeland, Loenen, Breukelen, Maarssen) sind hinsichtlich Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten auf Bootstouristen eingestellt.
  • Vianen. Gemeinde-Passantenhafen. Langer Steg im Stichkanal westlich des Merwedekanals. €1.45/m inkl. Strom und Wasser. Sehr ruhig. In Vianen alle Einkaufsmöglichkeiten. Schöne Altstadt.
  • Meerkerk. Südlich der Hebebrücke von Meerkerk, von der Windmühle an etwa 250 Meter Grasquai mit Pollern. Elektrokästen für die Berufsschifffahrt und Konto-Inhaber bei Park-Line. Kein Wasser. Liegedauer je nach Jahreszeit beschränkt. Kein Liegegeld. In Meerkerk gibt es einen PLUS-Supermarkt, einen (neuerdings) guten Metzger, eines der grössten Kleidergeschäfte in Südholland (Zwijnenburg Mode) zwei Bäcker/Konditoren, Drogerie, medizinisches Zentrum mit Apotheke, Restaurants sowie weitere Detailhändler.Gute Busverbindungen nach Gorinchem und Utrecht. Von dort direkte Züge nach Amsterdam und Rotterdam.
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3 Gedanken zu „Bericht 126, Juni 2016

  1. Liebe Charlotte, lieber Christian,

    danke für die Fotos von der Dampfspritze, die wir jetzt einfach mal persönlich nehmen. Zuerst glaubten wir eine alte Bekannte wieder zu sehen, und es bedurfte genauerer Vergleiche der Details um festzustellen, dass es sich nicht um die Maschine handelt, die wir schon häufiger auf Dampftreffen in der Nähe gesehen haben.
    Wir freuen uns riesig, in dieser Weise von Euch bedacht worden zu sein, und möchten euch hiermit unsere Glückwünsche zur gelungenen Renovierung von KINETTE übermitteln.
    Bei uns gibt es auch Neuigkeiten. Dank eures Hinweises haben wir Kontakt zur DTMV aufgenommen wodurch Dieter nun die Gelegenheit bekommt als Decksmann auf der POLARIS, einem 30m langen ehemaligen Inselversorger, der jetzt auf dem Main verkehrt, auszuhelfen. Im Gegenzug gibt es Unterstützung beim Erwerb des Sportschifferzeugnisses E.
    Er ist seit gestern stolzer Besitzer eines Schifferdienstbuches.
    Nochmals herzlichen Dank für den wertvollen Tipp.

    Wir wünschen euch und KINETTE weiterhin eine glückliche und erlebnisreiche Reise.
    Es grüßen

    Corinna und Dieter

  2. Hallo und Ahoi Hubers
    Gratulation zur neuen Homepage – super!
    Die Gans die Sie „erwischt“ haben ist eine Nilgans, wie die nach Holland kommt ist mir ein Rätsel.

    Allzeit gute Fahrt.
    Ruedi aus Steffisburg

  3. Hoi Zäme, schön das Ihr wieder unterwegs sind. Schön auch diesen Bericht zu lesen. Fast die gleichen Eindrücke und teilweise sogar Fotos. Vergeblich habe ich den Text der Augustrede von Christian hier gesucht. Zusammen mit Reichlings hätten wir das gerne nachgelesen.
    Macht’s guet wiiterhin und glückliche Fahrt.

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