Schiffbau – vom Traum zum Albtraum

Roland und Catherine Stirnemann können beide auf eine lange und erfolgreiche Karriere als Unternehmer und Geschäftsleute zurückblicken. In seiner Freizeit segelte Roland früher Regatten, später stieg er auf Motorboote um. Das letzte Boot der Stirnemanns war eine Linssen 410 Classic Sturdy Sedan, die jetzt zum Verkauf steht.

Am Anfang war der Traum

Weil Roland und Catherine im Hinblick auf ihre Frühpensionierung den Wunsch nach einem ganzjährig bewohnbaren Schiff hatten, besuchten sie die «Boot» in Düsseldorf. Dort kamen sie in Kontakt mit einer niederländischen Schiffswerft. Sie waren vom Konzept dieser Schiffswerft mit ihren Baupaketen angetan, reisten in die Niederlande und liessen sich vom Werftinhaber ein Demoboot, zwei 15-Meter-Schiffe zeigen, welche er für schweizerische Käufer baute sowie einen Casco von 19.95 Meter Länge. Nachdem die Stirnemanns bei den erwähnten beiden Schweizer Kunden Referenzen eingeholt hatten, schlossen sie mit der Werft im März 2018 einen Kaufvertrag ab über ein «Wohnschiff 2000» mit den Abmessungen 19.95 x 4.95 m zum Preis von € 695’000, zahlbar in fünf Raten entsprechend dem Baufortschritt. Gemäss Vertrag vereinbarten die Stirnemanns und die Werft eine Lieferzeit von 12 Monaten ab Vertragsunterzeichnung. Ebenfalls noch im März 2018 vereinbarten die Vertragsparteien, anstelle eines herkömmlichen Dieselmotors einen hybriden diesel-elektrischen Antrieb einzubauen. Dadurch würde sich die Ablieferung des fertigen Schiffs um zwei Monate verschieben. Auch dies wurde vertraglich festgehalten.

Die ersten Schwierigkeiten kündigen sich an

Die Zeit verging, es wurde Mai 2019, das Schiff hätte fertiggestellt sein sollen – aber davon war der Casco noch weit entfernt. Roland und Catherine Stirnemann mahnten den Werftinhaber mehrmals schriftlich und wollten wissen, wann nun das Schiff fertig gestellt sei – mittlerweile hatten sie nämlich ihr Haus in der Schweiz im Hinblick auf ihr Schifferleben vermietet. Der Werftinhaber liess wissen, er könne und wolle kein Datum nennen, wann das Schiff fertig gestellt sei. Hingegen teilte er den Stirnemanns Mitte Juli 2019 mit, ihr Schiff werde in der zweiten oder dritten Septemberwoche 2019 zu Wasser gelassen; dann könnten sie darauf wohnen.

Zustand der «Caro» im Juni 2019

Zustand der «Caro» im Juni 2019

Man trifft sich vor Gericht

Weil sich der Werftinhaber weigerte, einen Abliefertermin für das fertige Schiff zu nennen und ein Baufortschritt nicht ersichtlich war, beauftragten die Stirnemanns einen auf derartige Verfahren spezialisierten niederländischen Anwalt, gegen die Schiffswerft beim zuständigen niederländischen Gericht Klage einzureichen.

Mit ihrer Klage verlangten die Stirnemanns, der Werftinhaber sei zu verpflichten, das Schiff spätestens am 2. September, ersatzweise zu einem vom Richter zu bestimmenden Zeitpunkt fahrklar und abnahmebereit zu Wasser zu lassen. Falls dieser Termin nicht eingehalten werde, sei der Werftinhaber zu einer Verzugsstrafe von € 500 pro Tag Verspätung zu verurteilen.

In der mündlichen Verhandlung verlangte der Anwalt des Werftinhabers die Abweisung der Klage und forderte, dass das Gericht die Kläger, also die Stirnemanns, unter Androhung einer Busse verpflichte, alle negativen Äusserungen über ihn und seine Firmen aus dem Internet und den sozialen Medien zu entfernen. Damit nicht genug, wollte er die Stirnemanns, ebenfalls unter Androhung einer Geldstrafe, zur vollständigen Geheimhaltung des Gerichtsverfahrens und seines Ausgangs verpflichten lassen. Auf einen konkreten Ablieferungstermin lasse er sich nicht festlegen.

Eine erste Schlacht ist gewonnen, aber der Krieg wohl noch lange nicht

Am 5. August 2019 hiess das Gericht die Klage der Stirnemanns gegen den Werftinhaber vollumfänglich gut und setzte, gestützt auf eine Expertise, den Ablieferungstermin des vollständig fertig gestellten, fahrklaren und abnahmebereiten Schiffs auf den 18. September 2019 fest Für jeden Tag Verspätung wurde eine vom Werftinhaber zu bezahlende Verzugsstrafe von € 500 verfügt. Das vom Werftinhaber verlangte Publikationsverbot, das einem eigentlichen Maulkorb gleich gekommen wäre, wurde vollumfänglich abgewiesen.

Das Ende ist offen

Wie es weiter geht, ist offen. Erfahrungen anderer Schiffskäufer mit dieser Werft sind jedenfalls wenig verheissungsvoll. Wer sich über den aktuellen Stand informieren will, kann dies auf http://www.my-caro.ch/ tun.

Was kann man daraus lernen?

Bevor man einen Schiffsbau in Auftrag gibt, sollte man nicht nur bei früheren Kunden Referenzen einholen, sondern auch die einschlägigen Internetforen, wie etwa das Forum der Dutch Barge Organisation (DBA) konsultieren. Auch ein auf Schiffsrecht spezialisierter, im entsprechenden Land praktizierender Anwalt kann allenfalls Auskunft erteilen.

Beim Kauf und erst recht beim Bau eines Schiffes geht es zumeist um mehrere Hunderttausend Euro. Eine gute Portion gesundes Misstrauen kann da nicht schaden.

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