Bericht 46, November 2008

Roanne

Winterzeit heisst auf unserem Schiff, dass wir die gesammelten Erfahrungen der Fahrsaison in Umbauarbeiten und Anpassungen einfliessen lassen. Wenn man mehr oder weniger ganzjährig auf einem Schiff lebt, stellt man ganz andere Anforderungen an Komfort, Zuverlässigkeit und Sicherheit, als wenn man nur für die Sommersaison einen schwimmenden Untersatz will.

Im Wesentlichen sind es zwei Bereiche, die wir anpacken wollen: Erstens hat sich gezeigt, dass unsere Wasserleitungen pannenanfällig konzipiert sind (siehe Bericht 38). Bei der Installation der Ölheizung hatte der damit beauftragte Werftarbeiter einen folgenschweren Kunstfehler begangen, indem er die Kunststoff-Heisswasserleitung direkt an den Heizungsboiler anschloss, anstatt mindestens den ersten Meter in Kupferrohr zu führen.

Und zweitens machen wir die Erfahrung, dass man nie genug Stauraum auf dem Schiff hat. Wir werden deshalb zusammen mit einem Schreiner die Eignerkajüte umbauen, um mehr Stauraum zu gewinnen. Und wenn wir schon den Schreiner an Bord haben, wollen wir den Salon umbauen.

***

Natürlich ist das, was wir hier beschreiben, ziemlich technisch und vielleicht sogar langweilig. Aber wenn Sie aktueller oder potentieller Schiffseigner sind, dann kennen Sie sicher diesen beinahe unbezähmbaren Drang, eigene Erfahrungen weiter zu geben. Wir geben diesem Drang freudig nach und lassen Sie deshalb an unseren Erfahrungen teilhaben. Nebenbei bemerkt erhalten wir immer wieder Mails von Schiffseignern, die uns ihre Erfahrungen vermitteln, wofür wir sehr dankbar sind. Man bezahlt auch so noch reichlich Lehrgeld!

***

Die insgesamt zehn Radiatoren in unserem Schiff sind an einem Verteiler angeschlossen, so dass man bei Bedarf die Zuleitung zu jedem einzelnen Heizkörper separat schliessen kann.

Das Verteilerstück für die Radiatoren

Das Verteilerstück für die Radiatoren

Wir entschliessen uns, vom Heizungsboiler aus mit einer Kupferleitung ebenfalls auf ein Kaltwasser- und ein Heisswasser-Verteilerstück und von dort einzeln zu den verschiedenen Wasserverbrauchern (Waschmaschine, Duschen, Spülbecken) zu fahren. Im Fall einer leckenden Leitung müssen wir nicht die ganze Wasserversorgung stilllegen, sondern nur die betreffende Leitung. Für die beiden Verteiler finden wir hinter der Abdeckung im Badezimmer der Achterkajüte im Bereich des Heizungsverteilers einen geeigneten Platz.

Das neue Verteilerstück für die Heisswasser-Leitungen

Das neue Verteilerstück für die Heisswasser-Leitungen

***

Es ist anfangs November und während wir drinnen im Schiff zufrieden vor uns hinwerkeln, regnet es draussen tagelang in Strömen. Der Hafen von Roanne ist durch einen Damm von der Loire getrennt und eine in der Regel offen stehende Schutzschleuse sorgt dafür, dass das Hafenbecken immer mit frischem Wasser versorgt wird. Im Dauerregen steigt die Loire bedrohlich und die Schutzschleuse wird geschlossen.

Die Loire führt Hochwasser

Die Loire führt Hochwasser

Es ist ein regelrechtes Hochwasser und Loire-abwärts werden sogar Dörfer überflutet. Die braunen Wassermassen sind nicht nur imposant, die unbändige Naturgewalt ist auch beängstigend.

Naturgewalt

Naturgewalt

In den letzten 150 Jahren gab es nur drei vergleichbare Hochwasser. 1800 Kubikmeter Wasser wälzen sich pro Sekunde an uns vorbei und der Pegel ist um 2.75 Meter gestiegen. Ein spektakuläres Schauspiel!

Am Loire-Ufer

Am Loire-Ufer

Die gleiche Stelle bei Hochwasser

Die gleiche Stelle bei Hochwasser

Das Wehr bei Normalpegel

Das Wehr bei Normalpegel

Die gleiche Stelle bei Hochwasser

Die gleiche Stelle bei Hochwasser

***

In der Messe oder, auf englisch im Saloon, wie das Wohnzimmer auf Schiffen genannt wird, hatte der Voreigner beim Ausbau des Schiffs für den Esstisch ein Podest gezimmert. Der Esstisch war fest eingebaut, wie das auf Jachten, aber nicht auf Schiffen üblich ist. Der gravierendste Nachteil war, dass damit nur vier Personen am Tisch sitzen konnten.

Der Esstisch auf dem Podest

Der Esstisch auf dem Podest

Für die langen Winternächte in Roanne (oder wo in Zukunft auch immer) ist das natürlich zu wenig. Nachtessen und die anschliessende Spielrunde mit Mexican Train sind erst mit sechs Personen so richtig gemütlich.

Der Esstisch-Podest wird demontiert

Der Esstisch-Podest wird demontiert

Etwas schwieriger wurde die Suche nach einem neuen Tisch. Zwar bekommt man hier in der französischen Provinz schöne alte Möbel beinahe für ein Butterbrot. Aber diejenigen unter Ihnen, die unsere Reise mehr oder weniger von Anfang an verfolgen, kennen das Duschwannen-Problem (Bericht 11) und wir standen regelmässig vor einem vergleichbaren Esstisch-Problem, denn die Grösse aller Möbelstücke ist durch die Dimensionen der Einstiegsluke vorgegeben.

Die zündende Idee hat Charlotte, die unvermittelt ausruft: «IKEA»! und dann erklärt, dort kaufe man ja schliesslich alle Möbel in zerlegtem Zustand, man könne doch einfach auf dem Internet die Dimensionen der jeweiligen Pakete nachschauen.

Der neu gestaltete Salon mit freistehendem Esstisch

Der neu gestaltete Salon mit freistehendem Esstisch

So fahren wir denn eines schönen Morgens nach Saint-Étienne und verbringen den Tag mit Messband und Schiffsplan im schwedischen Möbelhaus, bis wir fündig werden. Das Zusammenbauen der Möbel ist ein Klacks und das Resultat darf sich sehen lassen!

***

«Le nouveau est arrivé!» heisst es jeweils am 3. Donnerstag im November und mit «le nouveau» ist der beaujolais nouveau gemeint, also der einige Wochen zuvor gekelterte Wein. Nicht mehr Sauser, aber auch (noch) kein ernsthafter Wein, wird ein unglaublicher Kult darum gemacht.

Le nouveau est arrivé!

Le nouveau est arrivé!

Aber die Fröhlichkeit und die Geselligkeit, die mit dem beaujolais nouveau verbunden ist, lässt die önologisch eher etwas zweifelhafte Qualität dieses Saftes schnell vergessen. «Le beaujolais, c’est un sacré bon vin qui ne fait jamais mal. Plus on en boit, plus on trouve sa femme gentille, ses amis fidèles, l’avenir encourageant et l’humanité supportable» schreibt der französische Romancier Gabriel Chevallier: «Der Beaujolais, das ist ein verdammt guter Wein, der nie weh tut. Je mehr man trinkt, desto netter findet man seine Frau, seine Freunde zuverlässig, die Zukunft verheissungsvoll und die Menschheit erträglich.» (Chevallier schrieb unter anderem mit «La Peur» ein Buch über seine Fronterlebnisse im ersten Weltkrieg und man ahnt, was er mit der erträglichen Menschheit gemeint haben könnte.)

Integrationskurs der Hafengemeinschaft für Neuzuzüger

Integrationskurs der Hafengemeinschaft für Neuzuzüger

Da in diesen Zeiten alles willkommen ist, was die Zukunft verheissungsvoller macht, bricht die Hafengemeinschaft ins Beaujolais-Gebiet auf, nach Régnié, um präzise zu sein. 42 Personen sind es, Franzosen, Engländer, Kanadier, Amerikaner, Holländer und Schweizer, die sich beim Weinbauern Guy Trichard für einen Sonntag mit Wein, Raclette und Charcuterie angemeldet haben. Für die Neuen, die erstmals in Roanne überwintern, ist das ein sehr effizienter Integrationskurs, vor allem, wie es dann zum Tanz- und Singwettbewerb der Nationen kommt.

Tanz- und Singwettbewerb der Nationen

Tanz- und Singwettbewerb der Nationen

Zusammen mit Willi und Ilse, dem zweiten Schweizer Ehepaar im Hafen, retten wir die Ehre der Schweiz mit einem aus voller Kehle gejodelten «Vo Luzärn gäge Weggis zue…» und wir erfüllen als «Yodeling Swiss» alle Erwartungen.

***

«Ist das nicht langweilig, im Winter auf dem Schiff?» werden wir gelegentlich gefragt. Natürlich könnte man auch beruhigt «Ja, gottseidank ist es manchmal langweilig!» sagen, denn von diesem stressbedingten Aberglauben, es müsse immer etwas laufen, haben wir uns gelöst. Wir geniessen es, einmal auch in aller Ruhe ein Buch zu lesen oder Musik zu hören. Musse zu haben, ist ein Privileg und wir müssen niemandem mehr unsere Unentbehrlichkeit durch Hektik beweisen.

Im Einsatz für den Lions Club Roanne

Im Einsatz für den Lions Club Roanne

Christian hat auch Zeit für karitative Lions-Einsätze wie hier, wo der Lions Club Roanne vor einem Supermarkt Bébénahrung und Kinderpflegemittel für arme Familien sammelt.

***

Ende November wird es kalt und wir schliessen diesen Bericht mit einem Bild zur aktuellen Wetterlage:

Die aktuelle Wetterlage

Die aktuelle Wetterlage

Alle, die sich besorgt fragen, ob es auf einem Schiff im Winter nicht kalt und feucht sei, können wir übrigens beruhigen. Unsere Zentralheizung funktioniert zuverlässig und es ist im ganzen Schiff warm und trocken.

Facebook
Google+
http://www.kinette.ch/index.php/2008/12/15/bericht-46-november-2008/
Twitter

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *