Bericht 81, April 2012

Roanne – Paray-le-Monial

(Canal de Roanne à Digoin, Canal du Centre; 70.5 km, 14 Schleusen)

Roanne – Paray-le-Monial

Roanne – Paray-le-Monial

«Partir c’est toujours mourir un peu» sagen die Franzosen. Und wenn der Abschied ein bisschen Sterben bedeutet, was ist dann die Rückkehr? Eine Art Wiedergeburt – jedenfalls ist für uns die Rückkehr nach der Winterpause wie ein Nachhausekommen. Schon während der Fahrt von Zürich nach Roanne kommt ein SMS herein: «Freuen uns aufs Wiedersehen. Ihr seid bei uns an Bord eingeladen für ein kleines Nachtessen. Liebe Grüße Ton und Dicky».

Zurück im Hafen von Roanne

Zurück im Hafen von Roanne

Àpropos «Fahrt von Zürich nach Roanne» – hier bedanken wir uns bei Armin, der letztes Jahr mit seiner Frau Bea eine Woche mit uns mitfuhr. Er hat sich spontan anerboten, uns in seinem Auto nach Roanne zu fahren. Und da wir ziemlich Gepäck haben, nehmen wir dankbar an.

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In Roanne angekommen, können wir kaum unser Gepäck einräumen, sind wir schon bei Joseph und Madeleine zum Apéro eingeladen. Unser Nachbar Foster hat die Seeventile der Toiletten geöffnet, die Heizung angeworfen und Wasser gebunkert, sodass wir in ein bezugsbereites und behaglich warmes Schiff einziehen können. Wo wir auftauchen, gibt es ein grosses Hallo. Bis jetzt haben wir, wenn wir in Roanne waren, mit Ausnahme der Festtage und einigen vor- und nachgeschalteten Wochen, immer auf dem Schiff überwintert. Einmal mehr wird uns bewusst, wie wohl wir uns in dieser internationalen Gemeinschaft mit ihrer Offenheit und Hilfsbereitschaft fühlen.

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Zu solchen Gemeinschaften gehören auch Zeremonien und Rituale. Nach der Winterpause packt ein Schifferpaar nach dem andern die Reiselust und ein Schiff nach dem anderen läuft aus. Die Einen bleiben auf französischen Gewässern und kehren im Herbst zurück. Andere, so wie wir, bleiben manchmal mehrere Jahre weg.

Die «Wietske» läuft aus

Die «Wietske» läuft aus

Das Auslaufen eines Schiffs ist jedes Mal ein liebevoll zelebriertes Ritual: Das auslaufende Schiff betätigt sein Schiffshorn und alle zurück bleibenden Schiffer antworten mit dumpfen Hornstössen. Dann findet sich ein paar Unentwegte an der Hafenschleuse ein, wo man sich verabschiedet, wie wenn es für immer wäre.

Wie wenn es für immer wäre...

Wie wenn es für immer wäre…

Schliesslich winkt man dem auslaufenden Schiff nach, bis es um die nächste Biegung des Kanals verschwunden ist.

Auf Wiedersehen im Herbst!

Auf Wiedersehen im Herbst!

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Natürlich ist man über die Törnpläne der anderen Schifferpaare immer bestens im Bild. Dieses Jahr scheint Strassburg ein beliebtes Ziel zu sein, mehrere Schiffe aus Roanne sind jedenfalls dorthin unterwegs. Andere Schiffe, zufälligerweise alle unter holländischer Flagge, sind schon früh ausgelaufen und verbringen den Sommer in Beaulon-sur-Loire, nur einige Tage Fahrt von hier. Dort wird zwar kein Hafengeld erhoben, Strom und Wasser sind gratis, aber unsere holländischen Freunde haben ein Abkommen mit dem Bürgermeister getroffen. Sie dürfen den ganzen Sommer an diesem idyllischen Ort bleiben, leisten aber freiwillig einen Beitrag an die Kosten für Strom und Wasser und tätigen ihre Einkäufe im Dorf. Damit ist allen gedient…

Ein schwerer Sturm zieht über Beaulon herauf

Ein schwerer Sturm zieht über Beaulon herauf

Bei unserem Zwischenhalt in Beaulon werden wir Zeugen eines eindrücklichen Naturschauspiels: Ein heraufziehender Gewittersturm. Es wird im Mai nicht die einzige Gewitterzelle bleiben!

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Und das Vorschott unseres Schiffes? Dank neuer und solider Gestelle haben wir endlich ausreichend Stauraum für Schiffszubehör und Ersatzteile. Dazu beigetragen hat natürlich auch, dass wir beim Ein- und Ausräumen alles entsorgt haben, was sich hier während vielen Jahren ansammelte, aber nie gebraucht wurde und nach menschlichem Ermessen auch nie mehr gebraucht wird: eingetrocknete Farben, rissige Abdeckplanen, Holzreste und so weiter und so fort.

Ordnung im Vorschott

Ordnung im Vorschott

Natürlich scheint es eines von Murphy’s berühmten Gesetzen zu sein, dass man morgen genau das dringend gebrauchen könnte, was man heute fortgeworfen hat. Lassen wir uns überraschen! Aber Sie interessiert natürlich, was man mit siebenjähriger Schiffserfahrung an Zubehör und Ersatzteilen mitführt. Die Liste ist unvollständig: Ein ziemlich umfangreiches Werkzeugsortiment, Holz- und Metallschrauben mit Muttern und Unterlagsscheiben in allen Dimensionen, Öl-, Diesel- und Wasserfilter, Impeller für DAF und Generator, mehrere Sätze Keilriemen, Gas- und Kupplungskabel, Dichtungsmaterial, Farbe und Malutensilien, Frostschutz, Motorenöl, Reservetaue, Erdanker und Vorschlaghammer, Wasserpumpen, Elektromaterial (Glühbirnen, Sicherungen, Relais, Schalter, Stecker, Kabel), Sanitärmaterial (Schläuche, Schlauchklemmen, Kupferrohr, Duschepumpen etc.), Tauchutensilien. Ferner befinden sich im Vorschott acht Gel-Akkus von je 210 Ampère sowie ein Teil der Schiffselektrik wie Lader/Umformer und Sicherungstableau, der Motor der Bugschraube sowie der Ankerkettenkasten.

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Als Gründungsmitglied des Lions Club Zürich-Altstadt ist Christian ein engagierter Lion und mittlerweile auch «membre associ黓 des Lions Club Roanne. Entgegen einem – in gewissen Fällen zugegebenermassen nicht immer völlig unberechtigten – Vorurteil, sind Service Clubs wie Lions, Kiwanis und Rotary nicht einfach Vereinigungen wohlhabender Geschäftsleute, die sich gegenseitig lukrative Deals zuhalten. Der Grundgedanke ist, dass Diejenigen, denen es materiell gut geht, freiwillig jenen Mitmenschen helfen, denen es nicht so gut geht. Und zwar nicht einfach, indem man die Brieftasche öffnet und für irgendeinen guten (oder vermeintlich guten) Zweck spendet, sondern durch Arbeitseinsatz. Finanziert werden immer konkrete Projekte und zwar so, dass keine administrativen Kosten entstehen.

Der Präsident des Lions Club Roanne beim Tulpenstechen

Der Präsident des Lions Club Roanne beim Tulpenstechen

Die beiden Lions-Club von Roanne, der Herren- und der Damenclub, beispielsweise haben auf dem Gelände hinter dem dortigen Carrefour ein brachliegendes Feld zur Verfügung gestellt erhalten. Dort wurden im Herbst in Fronarbeit Tulpenzwiebeln gepflanzt. Jetzt, im Frühling, werden die Tulpen gestochen und die Blumen zu Sträussen gebunden.

Eine Lions-Frau macht Tulpensträusse

Eine Lions-Frau macht Tulpensträusse

Die Sträusse werden, frisch vom Feld, für fünf Euro pro Strauss, von den Lions in der Eingangshalle des Carrefour, an den Mann und an die Frau gebracht – Tag für Tag, solange die Tulpen spriessen.

«Monsieur, un petit bouquet de tulipes pour la lutte contre le cancer?»

«Monsieur, un petit bouquet de tulipes pour la lutte contre le cancer?»

Der Erlös kommt bedürftigen Krebskranken in der Region zugute für Kosten, die keine Krankenkasse und keine Versicherung deckt. Es gibt in Frankreich ziemlich viel Armut und Arbeitslosigkeit. Dank unermüdlichem Einsatz seiner Mitglieder sammeln die beiden Lions Clubs von Roanne mit ihrer «Opération tulipes» über 10’000 Euro und stärken erst noch das Zusammengehörigkeitsgefühl in den beiden Clubs.

So vergehen die Tage wie im Flug, bis wir endlich auslaufen.

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Am 23. April ist es endlich so weit. Die Checkliste mit den Standardprozeduren für das Auslaufen wird hervorgeholt und Punkt für Punkt abgehakt. Dann dreht der Kapitän den Zündschlüssel und der Schiffsdiesel springt nach sechsmonatigem Winterschlaf zuverlässig an. Irgendetwas tönt im Bereich der Keilriemen leicht ungewohnt, aber wir können es nicht lokalisieren. Da alles funktioniert, lassen wir es bei einem Eintrag im Logbuch bewenden.

Au revoir!

Au revoir!

Wir haben die Hafenschleuse auf 13:00 Uhr bestellt und so können wir nach einer Ehrenrunde im Hafenbassin unter dem oben beschriebenen Tuten der Schiffshörner exakt zur angegebenen Zeit in die offene Schleuse einfahren. Mit an Bord sind drei französische Freunde, welche bis zum ersten Halt in Melay sur Loire mitfahren werden.

Französische Freunde als Passagiere für einen Tag

Französische Freunde als Passagiere für einen Tag

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Was für ein unbeschreibliches Gefühl, nach sechs Monaten wieder auf dem stillen Wasser des Canal de Roanne à Digoin dahin zu gleiten! Es ist, wie wenn wir keinen Moment von Bord gewesen wären.

Neue Uferbefestigungen am Canal de Roanne à Digoin

Neue Uferbefestigungen am Canal de Roanne à Digoin

Ob wir nach sechs Monaten Fahrpause überhaupt noch fahren können? Der Moment der Wahrheit kommt bei der Brücke von Iguerande, der schmalsten Brückenpassage auf diesem Kanal.

Die Brückenpassage bei Iguerande aus dem Blickwinkel des Kapitäns

Die Brückenpassage bei Iguerande aus dem Blickwinkel des Kapitäns

Offensichtlich hat der Kapitän das Fahren nicht verlernt und steuert «Kinette» unter den kritischen Blicken unserer französischen Freunde souverän durch die Engstelle, wobei auf Steuerbord und auf Backbord nur ein paar Handbreit Raum bleiben.

Der Kanal verläuft entlang der Loire

Der Kanal verläuft entlang der Loire

Das Reizvolle am Canal de Roanne à Digoin ist, dass er auf weite Strecken unmittelbar neben der Loire verläuft. Weil der Kanal etwas höher liegt, hat man ungehinderte Sicht auf den majestätischen Fluss.

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Bei Digoin kommen der Canal de Roanne à Digoin, der Canal du Centre (welcher Richtung Saône führt) und der Canal latéral à la Loire (auf welchem man letztendlich in die Seine gelangt) zusammen. Zwar ist unser Ziel Paris, aber weil wir noch französische Freunde in Paray-le-Monial besuchen wollen, biegen wir in den Canal du Centre ein und fahren ein kurzes Stück Richtung Nordosten.

Bei der Schleuse Nr. 1 in Digoin

Bei der Schleuse Nr. 1 in Digoin

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Wir erreichen das als Pilgerort bekannte Paray-le-Monial zwei Tage nach unserem Auslaufen aus Roanne. Wenig später verdüstert sich der Himmel und in der Nacht fegt ein veritabler Sturm über die Gegend. Wir verzurren alles, was irgendwie davonfliegen könnte und bleiben von Schäden verschont. Nicht so der Kanal: Wegen umgestürzter Bäume und Strommasten wird der Kanal Richtung Saône geschlossen. Da wir ohnehin nicht in dieser Richtung weiterfahren wollen, berührt uns das nicht. Weiterfahren können oder wollen wir dennoch nicht.

Wir haben ein Geräusch erwähnt, das Christian im Bereich der Keilriemen hörte. Falls Sie an Technik interessiert sind, falls Sie manchmal selbst mit einem Schiff unterwegs sind oder falls Sie wissen möchten, was wir im Pannenfall unterwegs unternehmen, so klicken Sie hier.

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Jedenfalls sitzen wir ein paar Tage in Paray-le-Monial fest, was uns Gelegenheit gibt, trotz des schlechten Wetters die Gegend per Velo und zu Fuss zu entdecken.

Wandern mit französischen Freunden im Brionnais

Wandern mit französischen Freunden im Brionnais

Unsere französischen Freunde zeigen uns mit ansteckender Begeisterung die grosszügige, weite und sanfthügelige Landschaft des Brionnais mit seinen verträumten Weilern und den behäbigen Steinhäusern. Überall weidet Vieh, die Gegend lebt von der Rinderzucht.

Ein Haus im klassischen Brionnais-Baustil

Ein Haus im klassischen Brionnais-Baustil

Der TGV-Bahnhof von Le Creusot ist etwa eine halbe Autostunde von Paray-le-Monial entfernt, was sich offensichtlich auf die Immobilienpreise auswirkt. Sie sind deutlich höher als im landschaftlich vergleichbaren Roannais,welches aber weitab von TGV und Autobahn liegt.

Ein Haus wartet auf Restaurierung

Ein Haus wartet auf Restaurierung

Dennoch sind hier zahlreiche Häuser in ausländischer, meist englischer Hand. Man erkennt sie mühelos an ihrem guten Unterhaltszustand.

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Am 3. Mai ist es endlich so weit. Unsere Panne ist behoben und wir können auslaufen. Bis Paris sind es 399 km und spätestens am 29. Mai wollen wir dort einlaufen. Von dieser Reise werden wir in unserem nächsten Bericht erzählen.

Aus dem Logbuch

  • Melay sur Loire (Canal de Roanne à Digoin). Längerer Quai mit Pollern. Toiletten. Wasser und Elektrisch (zwei Steckdosen in einem Kasten an einem etwa 60 Meter entfernten Laternenpfahl). Gratis. Bäcker, Metzger, kleiner Supermarkt im Dorf. Sehenswürdigkeit: In der Nähe ist die «Stèle Jean Moulin», welche an den berühmtesten französischen Widerstandskämpfer erinnert. Er wurde hier zusammen mit zwei Kampfgefährten im April 1943 von einem britischen Flugzeug abgesetzt.ährten im April 1943 von einem britischen Flugzeug abgesetzt.
  • Paray-le-Monial (Canal du Centre). Längerer Quai mit Pollern. Zwei Säulen mit Wasser und je vier Elektrisch-Anschlüssen (16 Ampère). 12 Euro pro Nacht alles inkl. Bedeutender Wallfahrtsort mit cluniazensischer Basilika. Musée du Hiéron (Kirchenkunst sowie bedeutende Sammlung italiensicher Malerei vom 13. bis 18. Jahrh.), Musée Paul Charnoz (ehemalige Fabrikationsstätte gebrannter Bodenplatten). Musée de la Faïence Charolaise (Sammlung der seit 1836 in dieser Gegend hergestellten Fayence). Im Städtchen selbst Bäckereien,Metzgereien, Traiteurs, kleiner Supermarkt (Huit à Huit), Chocolade-Fabrikation Pupill, Mehrere Restaurants. Unweit entfernt grosses Einkaufszentrum mit Supermärkten, Bricomarchés etc. Lebensmittel- und Warenmarkt am Freitagmorgen.
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2 Gedanken zu „Bericht 81, April 2012

  1. Guten Tag Herr Huber, guten Tag Frau Huber

    In der Woche vor Auffahrt war ich mit meinem Cabrio auf einer Rundreise (Provence, le Midi, Périgord, Centre, Champagne). Nach der Kanal-Brücke über die Loire in Briare wollte ich noch die alten Schleusentreppen in Rogny-les-Sept-Écluses ansehen.
    Es war am Quai in Ouzouer-sur-Trézée, im Kanal lag ein Wohnschiff mit grosser Schweizerfahne am Heck, die Kinette. In den letzten Jahren habe ich von Zeit zu Zeit im Web Ihre Erlebnisse und Tagebücher verfolgt, deshalb war es mir eine Freude, Sie beide persönlich anzutreffen und ein paar Worte mit Ihnen auszutauschen.
    Wie sagte ich: so lässt sich leben. Geniessen Sie noch weiter die schöne Zeit auf Ihrer Kinette.

    Freundliche Grüsse

    Rolf Tallichet

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