Bericht 153, Juli 2019

Cambrai – Grand Ascenseur de Strépy-Thieu

(Canal de Saint-Quentin, Escaut canalisée, Escaut, Canal Nimy-Blaton-Péronnes)

Nach dem Frühstück im Steuerhaus laufen wir um 09:30 Uhr in Cambrai aus. Wir passieren die Schleusen Cantimpré, Selles, Erre, Thun l’Évêque und Iwuy dank der Télécommande ohne Verzögerung. Bei Estrun fahren wir auf der kanalisierten Schelde, l’Escaut canalisée, auf die Schelde.

Hier ist relativ viel Berufsverkehr unterwegs und die Schleusen sind entsprechend gross. Aber wir haben Glück: Bei einigen Schleusen können wir direkt einfahren, nachdem wir uns etwa einen Kilometer vorher über Funk angemeldet haben, bei den anderen Schleusen haben wir nur kurze Wartezeiten. Erfreulich ist, dass sowohl die französischen als auch später die belgischen Schleusenwärter – mit Ausnahmen – auf einen Funkaufruf unverzüglich antworten und dann informieren, ob die Schleuse bereit sei, ob noch ein anderes Schiff in der Gegenrichtung geschleust werde oder ob man allenfalls mit einer Wartezeit zu rechnen habe.

Gegen Abend halte ich Ausschau nach einem Liegeplatz. Aber an der Schelde gibt es praktisch keine Liegeplätze für Nicht-Berufsschiffe, weshalb ich bei der Anfahrt auf die Schleuse Fresnes über Funk anfrage, ob es im Ober- oder im Unterwasser der Schleuse eine Übernachtungsmöglichkeit für ein Sportboot (das ist die «Tarahunara» rechtlich) von 24 m Länge gebe. Das sei kein Problem, antwortet der Schleusenwärter, wir könnten im Oberwasser am Warteponton für Sportboote übernachten. Die Klampen am Ponton sehen allerdings nicht so aus, als könnten sie es mit den siebzig oder achtzig Tonnen der «Tarahumara» ernsthaft aufnehmen, weshalb ich Susanne und Paul zeige, dass man in einem solchen Fall die Taue um die (robust wirkenden) Pfosten der dortigen Leitplanken legen sollte. Herausforderung bewältigt – Probleme gibt es ohnehin nicht.

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Früh am nächsten Morgen liegt ein zartes Morgennebelchen auf dem Wasser und wir geniessen eine jener Stimmungen, welche das Leben auf dem Wasser so unvergleichlich machen.

Auf dem Funk höre ich, dass die Schleuse für ein entgegenkommendes Schiff vorbereitet wird. Das bedeutet, dass wir, sobald dieses Schiff geschleust hat, in die Schleuse einfahren können. Genug Zeit also, um die Taue einzuziehen, aufzuschiessen und das Schiff vor die Schleuse zu legen. Wenig später fahren wir auf der Schelde während 2½ Stunden «schleusenlos» zu Tal bis zur Bunkerstation «Captain Neptunia» im belgischen Antoing. Dort bunkern wir nicht nur rund 2’000 Liter (weissen) Diesel, sondern Paul und Susanne ergänzen noch die Ausrüstung der «Tarahumara» um einige fehlende Schiffsutensilien.

Kaum fünfzig Meter zurück liegt ein kleiner Hafen, der zwar weder über Strom und Wasser noch sonstige Einrichtungen verfügt (und deshalb auch nichts kostet), aber gut gegen den Schwell der auf der Schelde vorbeifahrenden Grossschiffe geschützt ist. Weil wir zeitig dran sind, finden wir sogar einen Liegeplatz, allerdings den letzten.

Der kleine Hafen von Antoing

Der kleine Hafen von Antoing

Auf dem Bunkerboot haben wir erfahren, dass die Schleuse Péronnes 2, die wir für unsere Weiterfahrt passieren müssen, für zwei Tage wegen Unterhaltsarbeiten gesperrt ist. Das gibt uns Zeit, das Städtchen Antoing zu Fuss zu erkunden. Dort waren wir mit unserem eigenen, mittlerweile verkauften Schiff, «M.S. Kinette», letztmals im Juli 2011 (Bericht 75, Teil 2) und schrieben über Antoing unter «Aus dem Logbuch»: Antoing selbst bietet nichts. Daran hat sich auch acht Jahre später nichts geändert. Höchstens, dass es mit seinen leerstehenden Geschäftslokalitäten – «à vendre» oder «à louer» – noch etwas trostloser wirkt. Die noch offenen und auf Zusehen hin noch existierenden Geschäfte geben sich grösste Mühe, ebenso trostlos zu wirken. Der Bäcker hat am Morgen noch geschlossen und die «Alimentation générale chez Momo» ist seit unserem letzten Aufenthalt aufgegeben worden. Die Konkurrenz durch den nahegelegenen Aldi war wohl zu gross. Dort gibt es übrigens keinen Wein über drei Euro zu kaufen, was über die Kaufkraft der hiesigen Kundschaft alles besagt. Eine Bar hat ein paar Tischchen und Stühle vor dem Lokal, dort trinken wir ein Bier. Die Kellnerin ist sehr jung, jetzt noch hübsch und völlig desinteressiert. In ihrem Rückenausschnitt ist ein Engelsflügel-Tattoo sichtbar, aber irgendwie stelle ich mir Engel freundlicher, heiterer vor.

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Nach dem durch die Schleusensperrung bedingten unfreiwilligen Ruhetag laufen wir frühmorgens – das heisst kurz nach 07:00 Uhr – aus. Zusammen mit dem Quatorze Juillet haben wir nun schon zwei Tage auf unsere ohnehin enge Fahrplanung verloren. Meine Absicht ist, die rund 60 km lange Strecke bis zum Grand Ascenseur de Strépy-Thieu mit ihren vier Grossschleusen in einem Tag zurückzulegen, um wenigstens etwas von der verlorenen Zeit aufzuholen. Natürlich ist es nicht an mir, dies zu entscheiden, aber Paul und Susanne sind mit dieser Planung einverstanden und sehen dem vorausgesagten, langen Fahrtag mit Fassung entgegen.

Planung ersetzt Zufall durch Irrtum, soll Albert Einstein gesagt haben. Verbürgt ist hingegen das von Friedrich Dürrenmatt stammende Zitat: Je planmäßiger der Mensch vorgeht, um so wirkungsvoller trifft ihn der Zufall. Jedenfalls warten wir bereits an der wieder eröffneten Schleuse Péronnes 2 geschlagene 3½ Stunden und an der kurz darauf folgenden Schleuse Maubray eine weitere Stunde, weil sich natürlich die gesamte Berufsschifffahrt während der Sperrung der Schleuse aufgestaut hat. Geduld ist alles, und so können wir schliesslich zusammen mit kleineren Sportbooten schleusen.

Die Schleuse Péronnes 2

Die Schleuse Péronnes 2

Die Schleusen auf dem Canal Nimy-Blaton-Péronnes und, ab Mons, auf dem Canal du Centre (Wallonie) haben einen Hub zwischen fünf und zwölfeinhalb Metern, verfügen aber glücklicherweise über Schwimmpoller. Das erleichtert das Schleusen ungemein.

Schwimmpoller

Schwimmpoller

An den beiden ersten Schleusen, Péronnes 2 und Maubray, haben wir also über vier Stunden verloren, das Tagesziel Strépy-Thieu wird immer sportlicher. Offenbar ist dies der Tag des Wartens. In die Schleuse Havré (Hub 10 Meter) können wir zwar einfahren, die Schleusentore schliessen sich hinter uns, aber dann ist Funkstille. Nichts bewegt sich. Endlich erfahren wir über Funk, dass die Schleuse «en panne» und ein Techniker angefordert worden sei. Nach einer Stunde füllt sich die Schleuse dann doch noch und bis Strépy-Thieu haben wir keine Schleuse mehr zu passieren.

Le Grand Ascenseur de Strépy-Thieu

Le Grand Ascenseur de Strépy-Thieu

Dann endlich, wir sind seit über zwölf Stunden unterwegs, kommt das imposante Bauwerk des Schiffslifts von Strépy-Thieu in Sicht. Einige hundert Meter vor dem Schiffslift zweigt der schmale Canal du Centre historique ab, der zu den historischen Schiffsliften führt. Unmittelbar vor dieser Abzweigung befindet sich ein hauptsächlich von der Berufs­schiff­fahrt benützter Quai mit Umschlagplatz. Eigentlich hatte ich geplant (!), dort anzulegen. Aber auf dem besagten Umschlagplatz, steht, wie auf einer Perlenkette aufgereiht, ein gutes Dutzend Wohnmobile. Da wollen wir sicher nicht anlegen. Also weiter bis ins Unterwasser des Schiffslifts und dort finden wir, hinter einem französischen Hotelschiff, einen sicheren und ruhigen Liegeplatz.

Mit dem Schiffslift von Strépy-Thieu sind wir übrigens bereits 2006 (Bericht 17) und 2011 (Bericht 74) gefahren. Alle Bilder und die technischen Angaben finden sich dort.

Paul und Susanne haben den langen und ermüdenden Fahrtag mit Bravour gemeistert. Offensichtlich kommen die beiden frischgebackenen Schiffseigner allmählich vom Stress- in den Spassmodus – und so sollte es eigentlich ja auch sein!

Im nächsten Bericht werde ich von der Fahrt von Strépy-Thieu bis Namur erzählen.

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2 Gedanken zu „Bericht 153, Juli 2019

  1. Wir begreifen, dass ihr euch Gedanken über das Leben ohne Schiff macht. Wir waren vor zwei Jahren in derselben Situation. Wir waren mit unserer FINISTÈRE zwanzig Jahre
    glücklich unterwegs waren und haben nun einen ebenso glücklichen Nachfolger gefunden. Dennoch sind wir heute sehr erleichtert, dass wir nicht mehr die ganzen Umtriebe meistern müssen. Das dazu benötigte Geld verwenden wir für neue Abenteuer und geniessen die neue Freiheit täglich, wöchentlich, monatlich und jährlich. Wir wünschen euch dasselbe und habt Freude an den schönen Erinnerungen!
    Wir freuen uns auf ein gelegentliches Wiedersehen mit Euch, sei es auf dem Land oder auf dem Wasser.
    Herzliche Grüsse Margrith & Jost Kottmann

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