Bericht 154, August 2019

Grand Ascenseur de Strépy-Thieu – Namur

(Canal du Centre (Wallonie), Canal Charleroi-Bruxelles, Sambre, Meuse/Maas)

Wie ich bereits geschrieben habe, sind die Schiffseigner Paul und Susanne auf dem Weg vom Stress- in den Spassmodus. In Letzterem bin ich von Anbeginn weg, weil die Beiden ausgesprochen nett sind. Paul ist zudem ein guter Koch; ich werde richtiggehend verwöhnt. Kommt hinzu, dass Beide beim Handling der 24 Meter langen und über 70 Tonnen schweren «Tarahumara» täglich Fortschritte machen.

Paul und Susanne lernen sehr schnell

Paul und Susanne lernen sehr schnell

Für mich selbst ist diese Reise auch lehrreich. Nach vierzehn Jahren am Steuer eines ähnlich grossen Schiffes sind bei mir alle Abläufe sozusagen automatisiert. Ich habe nicht mehr realisiert, dass auch Geradeausfahrt wegen des Radlaufeffekts ständig kleine Korrekturen erfordert, weil ich sie völlig automatisch vornehme. Ich erinnere mich auch an meine Anfänge, als ich etwa beim Anlegen zuerst überlegen musste, welche Ruderstellung welche Schiffsbewegung bewirken würde – und dann drehte ich das Steuerrad doch in die falsche Richtung.

Den fundamentalen Unterschied zwischen Auto und Schiff muss man erst begreifen: Ein Auto wird mit den Vorderrädern gelenkt, ein Schiff mit dem Ruder am Heck. Ein Schiff verhält sich deshalb ähnlich wie ein Einkaufstrolley, dessen vordere Räder starr und die hinteren beweglich sind. Das hat zum Beispiel zur Folge, dass man namentlich auf kleineren Kanälen vor Biegungen antizipieren muss, dass das Heck Raum zum Ausschwenken braucht.

Die Erinnerung an die eigenen Anfänge macht nachsichtig, wenn man wieder einmal mit Anfängern unterwegs ist!

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Im Unterwasser des Grand Ascenseur

Im Unterwasser des Grand Ascenseur

Wir haben jedenfalls eine ruhige Nacht im Unterwasser des Grand Ascenseur de Strépy-Thieu verbracht, in Ruhe gefrühstückt und können kurz nach 9 Uhr morgens hinter dem französischen Frachter «Olanko» in die Wanne des Schiffsliftes einfahren.

Hinter der «Olako» in den Schiffslift

Hinter der «Olako» in den Schiffslift

Die Fahrt 70 Meter in die Höhe dauert nur einige Minuten, dann sind wir auf dem Canal du Centre (Wallonie), der nach einigen Kilometern in den Kanal Charleroi-Bruxelles mündet. Würde man nördlich auf diesem Kanal fahren, käme man zum Schräglift von Ronquières und nach Brüssel, biegt man über Steuerbord in den Kanal ein und fährt in südlicher Richtung, gelangt man via Charleroi auf der Sambre nach Namur. Das ist unser Zwischenziel, denn in Namur können wir Wasser bunkern und die Lebensmittelvorräte ergänzen.

Die «Bergstation» des Schiffslifts

Die «Bergstation» des Schiffslifts

Eine halbe Stunde später liegt der Schiffslift bereits hinter uns. Wir fahren jetzt auf dem Canal du Centre (Wallonie). Den Zusatz «Wallonie» trägt er zur Unterscheidung vom Canal du Centre im Burgund, der vom Saônebecken zur Loire führt und, nebenbei bemerkt, unter chronischem Wassermangel leidet.

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Wir fahren während über drei Stunden hinter dem Frachtschiff «Olanko» bis zur Schleuse Viesville, in die wir aber nicht zusammen hinein passen. Also warten. Nachdem «Olanko» geschleust worden ist, kommt noch ein weiteres Frachtschiff. Es hat verständlicherweise Vorrang, also noch einmal warten. Nach einer Wartezeit von insgesamt einer Stunde werden wir geschleust, es geht übrigens zu Tal Richtung Sambre und Maas. Bei der Schleuse Gosselies geht während der kurzen Wartezeit ein veritabler Platzregen nieder, der aber, wie wir in die Schleuse einfahren können, zu einem dezenten Regengüsschen verebbt. Die nächste Schleuse ist Marchienne-au-Pont mit einem Hub von sieben Metern, unweit der hässlichen und dreckigen Industriestadt Charleroi. Langsam geht es gegen Abend zu und wir müssen nach einem Liegeplatz Ausschau halten. Das ist relativ einfach, da mangels anderer Liegemöglichkeiten nur das Ober- oder Unterwasser einer Schleuse in Frage kommt. Ich frage deshalb den Schleusenwärter von Marchienne über Funk, ob wir oberhalb oder unterhalb «seiner» Schleuse die Nacht verbringen dürften. «Oui, bien sûr, aucun problème», Ober- oder Unterwasser spiele eigentlich keine Rolle. Ich empfehle Paul und Susanne das Unterwasser, dann haben wir die Schleuse schon mal passiert.

Im Unterwasser der Schleuse Marchienne-au-Pont

Im Unterwasser der Schleuse Marchienne-au-Pont

Nach der Schleuse erstreckt sich am linken Ufer ein sehr langer, nicht sehr gepflegter Quai. Die sehr soliden Poller sind etwas im Gras versteckt und in «Berufsschifffahrts-Distanz». Bei 24 Metern Schiffslänge und ausreichend langen Tauen ist dies jedoch kein Problem. Die Uferpoller liegen so weit auseinander, dass wir nur eine Bug- und Heckleine und keine Bug- und Heckspring legen können, wie das zur Absicherung eigentlich comme il faut wäre. Da aber auf dem Kanal weder Wind noch Strömung herrschen und praktisch auch kein Schiffsverkehr unterwegs ist, genügen zwei Taue.

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Am nächsten Morgen müssen wir uns nicht beeilen, der 21. Juli ist belgischer Nationalfeiertag, die Schleusen werden erst ab 09:00 Uhr bedient – aber immerhin! In Frankreich steht ja am Quatorze Juillet alles still. Ganz offensichtlich ist die Berufsschifffahrt am belgischen Nationalfeiertag nicht unterwegs, denn die grossen Schleusen Marcinelle, Montignies, Roselies, Auvelais und Mornimont – allesamt 111.90 m lang und 12.50 m breit – stehen nach Voranmeldung über Funk entweder offen oder öffnen, während wir uns nähern.

Ich selbst habe seit Tagen kein Manöver mehr gefahren oder ein Tau in die Hand genommen. Paul und Susanne lernen in diesem «Intensivkurs» sehr viel sehr schnell und ich kann mich auf gelegentliche Hinweise und Korrekturen beschränken.

Die erste Schleuse, Marcinelle, liegt mitten in Charleroi. Diese wallonische Industriestadt ist, zumindest vom Schiff aus, der Inbegriff der Hässlichkeit. Man fährt an Schrott verarbeitenden Fabriken und einem Kohlekraftwerk vorbei. Obwohl Sonntag und belgischer Nationalfeiertag, qualmen die Schlote und werden Schiffe entladen.

Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist, längere Zeit vor der Schleuse Marcinelle mitten in Charleroi warten zu müssen. Aber weil wir an diesem Tag praktisch allein unterwegs sind, kommen wir sehr viel schneller vorwärts, als geplant. Wir sind nur noch zwei Schleusen vor Namur und kämen dort um etwa 17:00 Uhr an. Der Haken bei der Sache ist, dass der Quai du Casino in Namur, wo grössere Schiffe liegen können, in der Hochsaison meistens hoffnungslos belegt ist. Die Chancen für einen Liegeplatz für ein 24 Meter-Schiff stehen nach 10.00 und vor 13.00 Uhr am besten. Ich schlage deshalb Paul und Susanne vor, zwei Schleusen vor Namur Feierabend zu machen, auch wenn es erst 15 Uhr ist. Das machen wir und finden einen perfekten, ruhigen und sicheren Liegeplatz im Oberwasser der Schleuse Floriffoux.

Im Oberwasser der Schleuse Floriffoux

Im Oberwasser der Schleuse Floriffoux

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Nach einer ruhigen Nacht können wir am nächsten Morgen zusammen mit dem Frachtschiff «Exaudi» die Schleusen Floriffoux und Salzinnes passieren. Unmittelbar nach der Schleuse Salzinnes mündet die Sambre in die Maas. Wir biegen hart über Steuerbord in die Maas, fahren unter der Brücke von Jambes hindurch und vor uns liegt der Quai du Casino.

Die Brücke von Jambes, rechts nach der Brücke der Quai du Casino

Die Brücke von Jambes, rechts nach der Brücke der Quai du Casino

Es ist etwas nach 10:00 Uhr und siehe da, die Rechnung ist aufgegangen: Am Quai hat es einen perfekten Liegeplatz für uns, in unmittelbarer Nähe einer Wasserzapfstelle und einer Stromsäule. Paul und Susanne holen in der Capitainerie am anderen Ufer der Maas eine ausreichende Anzahl Jetons für Wasser und Strom. Ein Jeton kostet 50 Eurocents und reicht für 100 Liter Wasser oder 1 kWh Strom. Letzteren benötigen wir für die Waschmaschine, sonst müssten wir den Generator laufen lassen. Während Paul und Susanne mit den Fahrrädern nach Jambes fahren, um im Delhaize einzukaufen, bunkere ich 2’000 Liter Wasser.

Am Quai du Casino in Namur

Am Quai du Casino in Namur

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Bis 14 Uhr ist alles erledigt: Die Wäsche ist gewaschen, Wasser haben wir genug, die Einkäufe sind verstaut und verpflegt sind wir ebenfalls. Nichts und niemand hindert uns daran, wieder auszulaufen und auf der Maas in Richtung niederländische Grenze zu fahren.

Aus dem Logbuch:

  • Namur: Am rechten Ufer der Maas Yachthafen mit Fingerpontons. Capitainerie mit allen Einrichtungen eines Yachthafens. Kostenpflichtig. Am linken Ufer am Quai du Casino Liegemöglichkeiten für grosse Schiffe. Strom und Wasser. Notwendige Jetons verkauft die Capitainerie. In Namur Banken, Post, Bahnhof, Ärzte, Apotheken. Sowie zahlreiche kleinere Geschäfte und Restaurants. Supermärkte in Jambes auf der gegenüber liegenden Seite der Maas.
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Ein Gedanke zu „Bericht 154, August 2019

  1. Hallo,

    dass in ganz Frankreich am 14.7.wegen Nationalfeiertag alles dicht ist stimmt so nicht ganz. Sicher – alle Strecken mit bedienten Schleusen liegen still; aber z.B. auf der oberen Saône und am Vogesen-Kanal mit den automatischen Schleusen kann man auch am 14.7. fahren.

    lg

    Markus

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